In der aktuellen Staffel „Jesus der Jude“ im Podcast „bibletunes – die Bibel im Ohr!“ gebe ich heute eine kleine persönliche Einführung in die nächsten Episoden: Meine Lernerfahrungen mit dem jüdischen Glauben und der jüdischen Kultur der Zeit Jesu. Und die Gefahr, dass wir beim Lesen des Neuen Testaments negative Bilder des Judentums in unseren Köpfen tragen oder sie sogar weitergeben, ohne das eigentlich zu wollen.

In dieser Staffel reden wir über Jesus und seine jüdische Welt. Und darüber, warum es gut ist, mehr über die jüdische Welt und den jüdischen Glauben zhu wissen, wenn wir Jesus besser verstehen wollen. Assaf Ze’evi hat in den bisherigen Folgen gezeigt, wie eng Jesus mit dem jüdischen Glauben verbunden war. Mit dem jüdischen Land, mit seiner jüdischen Familie, und auch mit den jüdischen Lehrern seiner Zeit.

Ich möchte euch in den nächsten Folgen mit hineinnehmen in meine eigene Lerngeschichte als Christ und meine Begegnungen mit der jüdischen Welt Jesu. Ich bin ja von meiner Ausbildung her evangelischer Pfarrer und eigentlich war mir immer klar, dass Jesus ein Jude war. Ich hab nur nicht gedacht, dass das eine große Rolle spielt für meinen Glauben an Jesus. Das hat sich erst geändert, als ich nach dem Ende meines Studiums zusammen mit meiner Frau nach Israel gezogen bin. Wir haben dort zuerst mal ein Jahr lang und dann später nochmal 6 Jahre lang gewohnt und gearbeitet. Und da habe ich natürlich den jüdischen Glauben und auch jüdisches Leben viel intensiver und auch viel selbstverständlicher kennengelernt als das hier in Deutschland möglich ist.

Ich habe da plötzlich gemerkt, wie manche Teile meiner Bibel in einer neuen Weise lebendig werden: Zum Beispiel wenn da im Lukasevangelium, Kapitel 4, steht: Jesus ging am Shabbat in eine Synagoge, wie es sein Brauch war. Das klingt anders in einem Land, wo wirklich Shabbat gefiefert wird, wo die Läden am Shabbat zu haben und die Busse nicht fahren, und die Leute um dich herum tatsächlich chic angezogen sind, weil sie auf dem Weg in die Synagoge sind. Und wenn tatsächlich ein bisschen weiter die Straße rauf, von da, wo du wohnst, eine Synagoge steht, wo am Shabbat Gottesdienst gefeiert wird. Plötzlich werden da biblische Geschichten lebendig.

Und je mehr ich mich mit dem jüdischen Glauben beschäftigt habe, und auch mit den Schriften der jüdischen Rabbis, mit den jüdischen Feiertagen und Festen, desto mehr habe ich gemerkt, wie die im Neuen Testament dauernd erwähnt werden. Manchmal ausdrücklich, manchmal auch nur in Nebenbemerkungen, die man erst dann erkennt, wenn man sich ein wenig in der jüdischen Welt auskennt.

Zum Beispiel wusste ich nicht, dass es im jüdischen Kalender ein Fest gibt, bei dem man sich in der Synagoge versammelt, oder in Jerusalem auch auf dem großen Platz vor der Klagemauer, und dort große Palmzweige schwenkt und dabei laut Hosianna ruft und singt. Das passiert beim Laubhüttenfest, hebräisch Sukkot, im Herbst. Und es ist ein Brauch, mit dem man die Erwartung der kommenden Erlösung ausdrückt. Hosianna ist hebräisch und heißt so viel wie: Komm uns zu Hilfe, Herr! Und wenn man beim Laubhüttenfest die Palmzweige schwingt und Hosianna singt, dann ist das zum einen die Bitte, dass Gott jetzt und hier hilft und segnet. Aber auch ein Ruf und eine Bitte um das Kommen der endgültigen Erlösung bittet. Die Erlösung der WEelt, die dann geschieht, wenn der Messias kommt.

Ich kannte das mit den Palmzweigen früher nur aus meinem Neuen Testament. Das haben die Leute gemacht, als Jesus auf einem Esel nach Jerusalem eingeritten ist. Und dabei haben sie auch Hosianna gerufen. Als ich dann in Israel zum ersten mal das Laubhüttenfest miterlebt und diese fröhlichen gebet mit den Palmzweigen, da hat das für mcih viel mehr Sinn gemacht: Die Leute damals bei Jesus haben deshalb Palmzeige geholt und Hosianna gerufen, weil sie in Jesus den Erlöser sahen. Den Erlöser, um dessen Kommen sie ja am Laubhüttenfest immer gebetet hatten.

Und solche Aha-Erlebnisse hatte ich viele. Je mehr ich über das Judentum weiß, desto besser und tiefe4r verstehe ich das Neue Testament.

Aber dann gab es auch das andere. Nämlich den einen oder anderen Schock-Moment. Ich habe nämlich mit der Zeit gemerkt, dass ich als Christ auch ganz schön viele falsche Vorstellungen vom Judentum hatte. Vorstellungen, die sich in der Begegnung mit lebendigen Juden schlicht als Vorurteil und als Klischee rausgestellt haben.

Und ich habe gemerkt, dass solche Vorurteile und Klischees mich vor allem auch da prägen, wo ich Texte aus dem Neuen Testament gelesen habe. Oder auch darüber gepredigt habe. Ich habe gemerkt, dass in meinem Kopf die Juden bisher vor allem als die Gegner und Feinde Jesus existierten. Denn im Neuen Testament gibt es ja auch viele Streitgespräche zwischen Jesus und jüdischen Gegnern.

Und ich habe dann auch im Gespräch mit vielen anderen Christen gemerkt, dass es nicht nur mir so geht: Wir finden Juden zwar nett und interessant, wenn wir ihnen in Israel oder in Deutschland begegnen. Wir sprechen über Juden meistens nur in Gedenkveranstaltungen, wenn es um die deutsche Geschichte geht und die Judenvernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus. In solchen Momenten sprechen wir dann respektvoll und mit Würde von Juden.

Aber wenn wir in unseren Gottesdiensten oder Bibelstunden über Jesus und das Neue Testament sprechen, dann entwerfen wir oft ein ganz anderes Bild von Juden: Dann sind die Juden oft diese kleinlichen, besserwisserischen, gesetzlichen, hinterlistigen oder sogar bösartigen Menschen, die Jesus kritisieren oder als Gegner Jesu auftreten. Klar, wir wissen, dass das in den Erzählungen oft nmur bestimmte Juden sind, häufig Schriftgelehrte und Pharisäer. Aber ohne dass wir es merken, übertragen wir dieses Bild vom feindseligen und besserwisserischen Pharisäer und Schriftgelehrten dann doch auf alle Juden von damals. Und die Juden werden dann zum dunklen Gegenbild von Jesus.

Wenn wir ein wenig in die christliche Geschichte zurückschauen, dann entdecken wir, dass diese Art, Jesus und das Judentum als Kontrast in schwarz und weiß einander gegenüberzustellen, eine lange, lange Tradition hat. Die großen Bibelwissenschaftler des 19. Und auch des frühen 20. Jahrhunderts lebten in einer Zeit, in der die Judenfeindschaft in Deutschland immer mehr zunahmen. Und entsprechend war auch ihr Bild von Jesus:

Für sie war Jesus der Bekämpfer des Judentums. Der Überwinder einer falschen Religion und der Bringer einer besseren, nämlich der christlichen Religion. Ein Bibelwissenschaftler sagte zum Beispiel, Jesus sei ursprünglich als ein Reformer des Judentums angetreten, aber dann hätte er gemerkt, da ist nichts mehr zu retten. Und deshalb sei er zum Zerstörer des Judentums geworden. Ein anderer bezeichnete das Neue Testament als das antijüdischste Buch der ganzen Welt. Und er meinte das als Kompliment, weil er überzeuigt war, dass Jesus und auch Paulus selbst antijüdisch eingestellt waren.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs haben sich solche Haltungen zwar stark geändert. Aber man darf sich natürlich nicht wundern, wenn Reste eines solchen Denkens auch bis heute noch bei uns vorhanden sind. Jesus gegen das Judentum. Wir benutzen immer noch die Lexika und Bibelkommentare, die aus dieser Zeit stammen, und Reste dieser Grundhaltung sind in unseren Gemeinden immer noch weit verbreitet.

Dabei meinen wir es heute oft gar nicht böse. Niemand von uns würde sich heute mehr stolz einen Antisemiten oder einen Zerstörer des Judentums nennen. Aber ohne es zu merken, transportieren wir oft doch noch feindselige und abwertende Bilder vom Judentum, meistens, weil wir sie einfach übernommen haben ohne sie zu prüfen.

Und wir benutzen solche Bilder meistens, weil wir damit etwas Gutes bewirken möchten. Man kann das vielleicht am besten so beschreiben: Wir wollen eigentlich Jesus groß machen. Aber dafür machen wir oft vorher die Juden schlecht.

Ich habe das in Jerusalem an mir selbst mit Erschrecken festgestellt: Als Pfarrer musste ich ja öfters mal in Jerusalem in der deutschen Kirche predigen – und da hat man dann deutsche Reisegruppen vor sich, die in der Regel von jüdischen Reiseführern begleitet werden. Das heißt, unter meinen Predigthörern waren plötzlich nicht nur Christen sondern auch Jüdinnen und Juden. Anders als zu Hause in Deutschland

Und wenn man dann so auf der Kanzel steht und vor sich die jüdischen Zuhörer hat, dann merkt man plötzlich, wie oft in den eigenen Predigten Juden vorkommen. Und wie man über sie redet. Nämlich oft schlecht. In Deutschland war mir das nie aufgefallen – über Abwesende lässt sich ja leicht negativ reden. Aber wenn sie dann vor dir sitzen, und du dir selbst zuhörst, dann merkst du, wie oft die Juden schlecht wegkommen.

Ich möchte deshalb in den nächsten Folgen dieser Staffel gerne ein wenig darüber reden, welche Missverständnisse wir als Christen oft über Juden haben. Und das, ohne es zu wissen und natürlich auch, ohne es böse zu meinen.

Eigentlich geht es uns darum, Jesus gut darzustellen. Als Menschenfreund, als Helden, als Revolutionär. Aber um das zu tun, stellen wir eben oft unbewusst unbd ohne böse Absicht, das Judentum als Gegensatz dazu dar: Nämlich als nicht menschenfreundlich, als rückständig, als verknöchert oder was immer. Ich werde einige konkrete Beispiele in den nächsten Folgen nennen.

Hier aber schonmal ein kleiner Ausblick, der vielleicht bei euch die Lust weckt, der Staffel weiter zu folgen. Wie sieht das aus, wenn wir Jesus groß machen, indem wir das Judentum schlecht machen?

Zum Beispiel wollen wir etwas beitragen zur Gleichstellung der Frauen. Deshalb stellen wir Jesus als Freund der Frauen dar, der Frauen wertschätzt, indem er mit ihnen spricht oder sie zu seinen Jüngern macht. Das funktioniert aber nur, wenn wir vorher behaupten, dass die Juden frauenfeindlich waren und normalerweise nicht mit Frauen sprachen und sie schon gar nicht zu Jüngern machten.

Oder wir wollen uns gegen Fremdenfeindlichkeit aussprechen. Dann reden wir darüber, wie sehr die Juden Samariter und Römer gehasst haben, und wie dann Jesus – im Gegensatz zu den Juden – freundlich zu Römern und zu Samaritern ist. Vielleicht wollen wir beitragen zur Inklusion von Randgruppen: Dann erzählen wir davon, wie etwa Kranke und Aussätzige oder auch Zöllner im Judentum von der Gesellschaft ausgegrenzt und ausgestossen wurden. Und wie Jesus sich dann diesen Randgruppen, den sogenannten „Maginalisierten“, zuwendet.

Vielleicht wollen wir auch etwas für den Weltfrieden tun. Dann stellen wir Jesus als einen Messias dar, der friedlich und ohne Waffen in Jerusalem einzieht, während die Juden natürlich einen Messias erwarteten, der Krieg führt und mit einer Armee die Feinde vertreibt.

Merkt ihr was? Es läuft immer nach einem ähnlichen Schema ab. Eigentlich wollen wir was Gutes. Und wir wollen Jesus groß machen. Aber immer wieder malen wir dafür ein dunkles, oft auch falsches Bild von den Juden. Ganz ohne es zu wollen und sicher auch, ohne es böse zu wollen. Wie wir solche Zerrbilder des Judentums überwinden können und wie wir Jesus auch groß machen können, ohne Juden schlecht zu machen, darum wir es in den nächsten Folgen gehen.