Christliche Menschenliebe gegen jüdische Menschenfeindlichkeit? Christliche Freiheit gegen jüdische Gesetzlichkeit?
Wie die Erzählungen von Heilungen am Schabbat oft ungewollt zum Anlass von judenfeindlichen Auslegungen werden.


Die aktuelle Folge aus der Staffel „Jesus der Jude“ bei @bibletunes

In der letzten Folge habe ich davon erzählt, wie wir oft unbewusst von negativen Bildern des Judentums geprägt sind. Und wie das sann schnell dazu führt, dass wir Texte aus der Bibel falsch verstehen und Juden unnötig schlecht darstellen. Indem wir Jesus und das Judentum als einen Gegensatz darstellen.

Wir tun das oft mit guten Absichten: Eigentlich möchten wir zeigen, wie toll Jesus ist. Aber dafür machen wir vorher die Juden schlecht. Das ist zumindest ein Mechanismus, den ich bei mir selber oft beobachtet habe und von dem mir auch andere Christen oft erzählen.

In dieser Folge möchte ich mal an einem Beispiel zeigen, wie das funktioniert. Abner eben auch auch, wie wir solche Zerrbilder überwinden können, wenn wir uns ein biusschen mehr informieren über die jüdische Welt und auch die jüdischen Quellen aucs der Zeit Jesu.

Und zwar geht es um das Beispiel der Heilungen am Sabbat. Jesus heilt ja mehrfach Kranke Menschen am Sabbat. Viele Christen sind überzeugt, dass damit die jüdischen Sabbatgebote bricht. Und zwar aus Absicht: Weil ihm eben die Menschenfreundlichkeit wichtiger ist als die menschenfeindlichen Gesetze des Judentums.

Oft  berufen sich Ledute dann auch ein Wort von Jesus aus Mk 2,27, wo Jesus sagt: Der Shabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Shabbat. Und sie verstehen das als einen Gegensatz zwischen Jesus und dem Judentum: Für Jesus zählt eben der Mensch, für Juden dagegen zählt nur das Gesetz. Für Jesus ist das Gesetz hinderlich und nicht so wichtig, für Juden ist der Mensch nicht so wichtig. Dabei kommt Jesus gut weg, aber das Judentum ziemlich schlecht. Hier die Menschlichkeit, da die Gesetzlichkeit.

Aber stimmt das eigentlich?

Schauen wir uns mal ein Beispiel an: In Matt. 12 heisst es:          Und er ging von dort weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen?, damit sie ihn verklagen könnten.

Die erste Beobachtung: Hier sind Leute, die eine Frage stellen: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen? Wir machen daraus oft schon hier eine Aussage: Im Judentum war es verboten, am Sabbat zu heilen. Das steht hier aber nicht. Die Leute fragen, und zwar fragen sie, weil das eine umstrittene Frage war.

Warum war sie umstritten? Weil die Tora, also die fünf Bücher Mose, zunächst einmal gar nichts zu dieser Frage sagt. Nirgendwo im Alten Testament steht, dass das Heilen am Sabbat verboten. Aber wir sind davon überzeugt.

Ich frage die Leute an dieser Stelle oft zurück: Wie genau kennst du eigentlich die Shabbatregeln der Tora? Was genau ist eigentlich verboten am Shabbat? Und dann müssen viele erst einmal nachschauen. Und wenn wir das tun, finden wir heraus: Das einzige, was die Tora konkret verbietet ist, Arbeit zu tun.

Daraus ergibt sich also die nächste Frage: Was genau ist denn eigentlich Arbeit? Wer definiert das? Und was zählt alles dazu? Und das waren dann in der Tat die Fragen, mit denen sich jüdische Ausleger schon lange vor der Zeit Jesu beschäftigten. Man will ja das Sabbatgebot gerne halten, aber dafür muss man auch verstehen, was damit gemeint ist. Deswegen braucht es Auslegungen und Erklärungen, was genau diese Gebote eigentlich für den Alltag bedeuten. Und solche Auslegungen finden wir in den Schriften der Rabbinen, zum Beispiel in der Mischna oder dem Talmud, von denen Assaf Ze’evi ja in dieser Staffel schon erzählt hat.

Was also beudetet „nicht arbeiten“ konkret? Die Rabbis haben sich auf die Suche gemacht und gesagt: Wir durchkämmen mal die ganze Tora nach dem Wort „Arbeit“ und dann schauen wir, welche Sorten von Arbeit mit diesem Wort Arbeit beschrieben sind. Heraus kam eine Liste mit 39 Sorten von Arbeit.

Also zum Beispiel Feuer machen, pflügen, säen, ernten, backen, schneiden, weben und so weiter. Das sind dann so was wie Grundkategorien, von denen man andere Arten von Arbeit ableiten kann. Wenn also zum Beispiel Feuer machen verboten ist, dann gilt das auch für einen Herd in der Küche, für Kerzen oder heute in der modernen Zeit, auch für elektrisches Licht oder einen Auto motor.

Das Spannende ist jetzt aber: Auch bei dieser Liste von 39 Arten von Arbeit, die von den Rabbis stammt, ist „Heilen“ nicht dabei. Heilen ist nur dann verboten, wenn es mit einer verboteten Art bvon Arbeit verbunden ist, also z.B. schneiden oder nähen bei einer OP oder Feuer machen, um Medizin anzurühren. Das wollten die Gegner Jesu also sehen: Ob er irgendetwas verbotenes macht, um am Sabbat zu heilen. Aber das tut Jesus ja nciht. In dieser Geschichte hier spricht er nur ein Wort, in anderen berührt er die Menschen und einmal streicht er Spucke auf die Augen. Ncihts verbotenes also.

Es kommt aber noch etwas hinzu: Denn die Rabbis haben natürlich auch darüber diskutiert, welche Ausnahmen es gibt, und warum das arbeiten am Sabbat dann doch erlaubt ist. 

Zum Beispiel gibt es das Prinzip der Lebensrettung, hebräisch pikkuach nefesch. Natürlich ist alles, was dazu dient, Leben zu retten, am Sabbat erlaubt. Das Fachwort dafür ist: Es verdrängt den Sabbat, weil etwas wichtiges Vorrang hat. Deswegen dürfen zum Beispiel in Israel Krankenhäuser natürlich am Sabbat arbeiten, und auch Rettungswagen und Feuerwehr sind natürlich im Einsatz.

Und siehe da: Wenn wir ins Neue Testament schauen, hat jesus auch auf genau diesen Grundsatz der Rabbinen verwiesen, zum Beispiel in Markus 2,4: Und er sprach zu ihnen: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten? Sie aber schwiegen still.

Jetzt kann man sicher unterschiedlicher Meinung darüber sein, was genau „Leben retten“ bedeutet. Gilt das nur in akuter Lebensgefahr? Oder gilt es auch dann, wenn ein Leben wieder heil gemacht wird? Im griechischen und im hebräischen ist das Wort für „retten“ dasselbe wie für „heilen“. Jesus beruft sich also hier auf das Prinzip der Lebensrettung, aber er legt es weit aus. Andere hätten es vielleicht enger ausgelegt. In jedem Fall aber gilt: An seinen eigenen Worten gemessen, will Jesus den Sabbat nicht brechen, sondern einhalten. Und er liefert dafür eine Begründung, die in der rabbinischen Diskussion üblich war.

An einer andern Stelle, in Johannes 7, beruft sich Jesus auf eine bekannte Regel. Nämlich, dass man biblische Gebote nach ihrer Wichtigkeit gegeneinander abwiegen muss. Hillel zum Beispiel, einer der berühmten Lehrer der Zeit Jesu, hatte gesagt, dass das Passafest Vorrang hat vor dem Sabbat, wenn die beiden Feste auf den gleichen Tag fallen. Das Passafest „verdrängt“ also den Sabbat, ähnlich wie die Lebensrettung. Ein anderer Rabbi hat dieses Prinzip dann auf die Beschneidung angewandt:

Denn da gibt es manchmal auch Terminüberschneidungen: Nach der Tora muss ein neugeborener Junge ja am achten Tag beschnitten werden. Aber was ist, wenn der achte Tag ein Sahabbat ist? Da darf man ja eigentlich nicht schneiden. In dem Fall, sagt dieser Rabbi, hat die Beschneidung Vorrang vor dem Sabbat. Es geht also bei all diesen Beispielen nicht darum, den Shabbat zu brechen. Sondern es geht um Prioritäten. Weil verschiedene Gebote im Konflikt stehen. Und genau auf dieses Prinzip beruft sich Jesus bei der Heilung am Sabbat in Joh 7. Er sagt in Vers 23:

„ihr beschneidet einen Menschen auch am Sabbat. 23 Wenn ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz des Mose gebrochen werde, was zürnt ihr dann mir, weil ich am Sabbat den ganzen Menschen gesund gemacht habe?“

Kommen wir nochmal zurück zu dem Wort von Jesus, das ich am Anfang schon zitiert habe: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat“. Christen deuten das sehr oft als eine Grundsatzkritik Jesu am Sabbat: Also im Siunne von „Menschlichkeit geht doch vor Gesetz – und jüdische Gesetzlichkeit ist Menschenfeindlich“. Der Mensch ist wicihtiger, der Sabbat ist unmenschlich.

Aber wenn wir genauer hinsehen, dann entdecken wir: Auch dieser Grundsatz ist ein bekannter jüdischer Grundsatz. Wir finden ihn Mehrfach in den Schriften der jüdischen Rabbis. Und zwar leiten sie ihn aus einem Vers der Tora ab. In 2.Mose 31,14 sagt Gott zu den Israeliten: „Der Sabbat soll für euch heilig sein“. Aha. Für euch, sagen dann die Rabbis. Also ist Der Sabbat ist für uns gegeben, nicht wir für den Sabbat. Genau das ist das, was Jesus hier sagt.

Bei der Sabbatheilung in Matt 12 führt Jesus aber noch eine andere Begründung an, und auch die kennen wir aus der rabbinischen Diskussion. Dort sagt er nämlich: Ihr rettet dort auch ein Schaf, wenn es in eine Grube gefallen ist.

Dieser Konfliktfall, nämlich ob man am Sabbat ein Tier retten darf, wird in verschiedenen jüdischen Texten diskutiert. Die Gruppe der Essener zum Beispiel, die am Toten Meer bei Qumran lebten und als besonders streng galten, kamen zu dem Ergebnis: Wenn ein Schaf am Sabbat in eine Grube fällt, darf man es nicht herausholen.

Die Rabbinen aber reichte das nicht aus. Sie suchten andere Lösungen. Von den strengen Essenern werden sie deshalb übrigens immer wieder spöttisch als „die Leute, die nach glatten Lösungen suchen“ bezeichnet.

Und so gab es hier einen findigen Rabbi, der vorschlug: Man darf zwar das schwere Schaf nicht aus der Grube heben, das ist verboten. Aber man könnte ja leichte Gegenstände bringen, zum Beispiel Kissen und decken, und in die Grube werfen. Dann kann das Tier von selbst herausklettern.

Mit anderen Worten: Natürlich darf man am Sabbat helfen. Man soll es sogar. Aber man soll es bitte so machen, dass man dabei die Regeln des Sabbat nicht verletzt. Man kann also das Gute durchaus tun, ohne Gottes Gebote zu brechen.

Und genau das sehen wir ja auch bei Jesus: Er tut das gute, aber eben ohne dabei ein Sabbatgebot zu brechen. Er zeigt, dass der Shabbat gut für den Menschen ist, weil er gerade am Shabbat Menschen heilt. Und zwar ohne die Gebote Gottes dabei zu brechen.

Jesus tut das Gute – aber er hält sich dabei an die Shabbat-Gebote. Das zumindest ist das, was er selbst sagt. Er liefert verschiedene Begründugnen., die alle auch unter jüdischen Lehrern anerkannt waren. Zum Beispiel das Prinzip der Lebensrettung. Oder: das Prinzip: Beschneidung geht vor Shabbat. Oder den Grundsatz. Der Sabbat ist für den menschen dar: Oder eben das Beispiel mit dem Schaf.

Unter Strich aber gilt: Jesus wollte mit seinen Heilungen nie den Sabbat brechen. Man hat es ihm vorgeworfen, er selbst hat es aber bestritten. Warum sollte er auch? Denn der Shabbat ist ja immerhin ein Gebot Gottes, seines Vaters. Wenn Jesus am Shabbat heilt, dann zeigt er: Dieser Tag, dieser heilige Tag der Ruhe Gottes, soll so etwas sein wie ein Vorgeschmack der kommenden Welt. Auch diesen Gedanken finden wir bei den Rabbis. Der Shabbat ist ein Ausblick auf die kommende Welt. Das Reich Gottes, in dem es kein Lied und keine Tränen mehr gibt. Deshalb heilt Jesus gerade an diesem Tag.

Wir können in diesem Fall also Jesus groß machen, ohne dass wir Juden schlecht machen: Jesus heilt Menschen, darum geht es. Der Sabbat ist dafür kein Hindernis und muss auch nicht gebrochen werden. Im Gegenteil. Er ist der ideale Gelegenheit, Gottes Heilung in eine kaputte Welt zu bringen.