Vor dem Hintergrund solcher Darstellungen ist es kein Wunder, wenn Juden auch heute in der politischen Diskussion als Kriegstreiber und militante Nationalisten angesehen werden, die nur auf eines aus sind: Ihre verhassten Feinde aus dem Land zu vertreiben. Der Weg von einer falschen Bibelauslegung zu modernen Formen des Antisemitismus ist oft nur kurz.
Aber was hat es mit diesem Bild einer „militanten Messiaserwartung“ auf sich? Ein Blick in die Quellen zeigt auch hier ein anderes Bild. Eins, das Jesus und seine jüdischen Zeitgenossen nicht als Gegensatz zeigt, sondern als einig in der Hoffnung auf ein Königreich des Friedens, in dem Gott die Herzen regiert.
Eine neue Folge aus der Reihe „Jesus der Jude“ auf bibletunes – die Bibel im Ohr!
Haben die Juden zur Zeit Jesu einen Messias erwartet? Und wenn ja, was für einen?
Die Antwort, die christliche Bibelausleger oft geben, lautet ungefähr so: Die Juden erwarteten einen Messias, der als Kriegsheld und Heerführer eine Armee anführen würde und der die verhassten Römer mit Gewalt aus dem Land vertreibt.
Und dann hast du vielleicht auch den genauen Gegensatz gehört: Jesus war dagegen ein Messias des Friedens. Er kam nicht mit mit Waffengewalt, sondern mit der Kraft seiner Worte. Er wollte nicht die Römer vertreiben, sondern ein geistliches Königreich bringen, nämlich das Reich Gottes.
Vielleicht hast du ähnliches schon hin und wieder gehört. Oder auch selbst schon gepredigt oder erzählt. Dann lohnt es sich genauer hinzusehen.
Denn es handelt sich dabei wieder eine von diesen Darstelklungen, in denen wir eigentlich nur Jesus groß machen wollen, aber dabei ungewollt Juden schlecht machen.
Dabei ist das vielleicht gar nicht nötig. Weil es zum einen gar nciht dem Neuen Testament entspricht. Und zum zweiten auch nicht dem, was wir aus jüdischen Quellen über die Zeit Jesu wissen.
Fangen wir mal an mit dem Hass gegen die Römer. Das Bild ist weit verbreitet. Es passt auch zum verbreiteten Gesamtbild von Juden, die ja, zumindest nach Ansicht vieler Christen, nicht nur Römer hassen, sondern auch Samaritaner, Zöllner und Frauen. Über Zöllner und Frauen haben wir in den letzten Episoden ja schon geredet.
Was ist dran an diesem Vorwurf, dass Juden Römer hassen? Zunächst mal ist er schon sehr alt. Schon zur Zeit Jesu selbst hat ein berühmter römischer Geschichtsschreiber geschrieben: Die Juden lieben nur ihresgleichen, aber gegenüber allen anderen Menschen empfinden sie nichts als Hass. Und das Bild hat sich bis heute kaum gewandelt. Wenn man in die Nachrichten schaut, dann werden Juden, heute sind es meist Israelis, als Kriegstreiber, Kinderfresser und Völkermörder bezeichnet. Und laut einer neueren Umfrage ist eine Mehrheit der Europäer davon überzeugt, dass Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden darstellt.
Schauen wir ins Neue Testament, finden wir da allerdings überraschenderweise nirgendwo den Vorwurf, dass Juden die Römer hassen oder vertreiben wollen. Im Gegenteil: Da, wo Römer erwähnt werden, kommen sie meistens recht gut weg. Da gibt es den römischen Hauptmann dessen Sohn oder Knecht von Jesus geheilt wird. Warum? Weil die jüdische Gemeinde ihn darum gebeten hat: Sie sagen: Er hat unser Volk lieb und hat uns sogar unsere Synagoge gebaut. In der Apostelgeschichte lesen wir vom römischen Hauptmann Kornelius, der an den Gott der Juden glaubt und regelmäßig an den Gebeten in der Synagoge teilnimmt.
Klagen über Römer gibt es dagegen keine.
Tatsächlich war die Meinung in der jüdischen Bevölkerung gespalten: Viele sahen die Römer als die besten Freunde an, weil sie den Juden weitgehende Religionsfreiheit garantierten und dafür sorgten, dass sie ungehindert im Tempel ihren Gott anbeten konnten. Unter den Vorgängern der Römer, den Griechen, war das nicht erlaubt, und die Juden wurden blutig verfolgt, wenn sie ihren Glauben praktizierten.
Als Jesus etwa 12 Jahre alt war, schickten die Juden in Jerusalem eine Gesandtschaft an den Kaiser in Rom mit der bitte, den jüdischen König Archelaus abzusetzen und stattdessen einen römischen Statthalter einzusetzen: Ihre Begründung: Besser einen römischen Statthalter in Jerusalem als einen korrupten jüdischen König.
Natürlich gab es auch andere Gruppen, die die Römer als Feinde ansahen, vor allem dessen, weil sie an fremde Götter glaubten. So gab es eine Gruppe von Juden in Qumran am Toten Meer, die vom endzeitlichen Kampf gegen die Römer träumten. In einer ihrer Schriftrollen, die 1947 zufällig in einer Höhle am Toten Meer gefunden wurde, beschreiben sie diesen Krieg in allen Einzelheiten. Kurzum: Es gab solche und solche. Die Juden, denen wir im Neuen Testament begegnen, sind aber den Römern eher wohlgesonnen.
Übrigens stimmt es auch nicht, dass einer der Jünger Jesu ein militanter Widerstandskämpfer gegen die Römer war. Wir lesen zwar von einem Jünger mit dem Namen „Simon der Zelot“. Und wir denken dabi automatisch an Zeloten, die gegen die Römer kämpfen, weil das in vielen Predigten und auch Bibelfilmen so dargestellt wird.
In Wirklichkeit war die Bezeichnung „Zelot“ aber zur Zeit Jesu noch gar nicht mit dem Kampf gegen die Römer verbunden. Das geschah erst mehr als dreißig Jahre später, als eine Gruppe von Zeloten einen militärischen Aufstand begann. Zur Zeit Jesu waren Zeloten aber eher religiöse Eiferer. Heute würden wir sagen: Religiöse Extremisten. Solche, die gegen die eigenen Landsleute vorgingen, wenn sie nicht religiös genug lebten. Paulus zum Beispiel nennt sich selbst mehrfach einen „Zelot“, einen „Eifer“. Er meint damit aber nicht, dass er gegen Römer kämpft. Sondern dass er die Anhänger Jesu bekämpft hat wegen ihres Glaubens, den er für falsch hielt. Und als Nachfolger Jesu nennt er sich immer noch „Zelot“, weil er eben jetzt eifert für die Sache Jesu. Aber mit Gewalt gegen Römer hat das ncihts zu tun.
Wie ist es mit dem militärischen Messias? Auch dieses Bild ist verbreitet. Ein Messias, der mit einer Armee die Römer vertreibt. Schauen wir aber in die Bibel, dann sehen wir: Auch dieses HBild taucht weder im Neuen noch im Alten Testament auf. Klar, im Alöten Testament gibt es ja auch noch keine Römer. Aber es gibt da auch keinen Messias, der andere Feinde aus dem Land vertreibt. Der Messias, der Gesalbte Gottes, wird überhaupt nur selten im Alten Testament erwähnt. Dort ist es aber ein Nachkomme Davids, der ein Reich des Friedens regiert. Zwar reden die Propheten des Alten Testaments immer auch von Krieg, aber das ist nie ein Krieg, der vom Messias oder von Israel ausgeht. Sondern immer wieder ist es so, dass Israel von feindlichen Völkern angegriffen wird, aber dann der Herr zu Hilfe kommt und die angreifenden Völker besiegt. Einen Messias, der dabei als Heerführer auftritt, gibt es in diesen Texten nicht. Meistens ist es Gott selbst, der für sein Volk kämpft.
Wie ist es dann in den späteren jüdischen Quellen, in den Quellen aus der Zeit Jesu? Da gibt es ja Unmengen verschiedener Texte aus unterschiuedlichen Jahrhunderten und aus den verschiedensten Ländern der Welt, aus Israel, aus Ägypten, aus Babylonien und aus Rom. Und auch da finden wir nicht eine einzige, einheitliche Messiaserwartung, die von allen Juden geteilt wurde.
Im Gegenteil, wir finden sehr viele verschiedene Erwartungen. Manche reden von einem Messias, manche von zwei Messiasen, manche auch vom Menschensohn oder anderen Erlösergestalten. Manchmal gibt es die Erwartung eines großen Friedensreiches, in dem alle Völer sich am Ende vertragen. Und manchmal die Erwartung eines großen Krieges am Ende, in dem Gott die Völker vernichten wird, die nicht an ihn glauben. In beiden Fällen gibt es aber keinen Messias, der die Römer aus Israel vertreibt.
Die jüdischen Rabbinen, denen Jesus ja mit seinen Lehren besonders nahe Stand, haben jedenfalls den bewaffneten Kampf gegen die Römer ganz grundsätzlich abgelehnt. Sie rufen immmer wieder zum friedlichen Zusammenleben auf und legen den Schwerpunkt nicht auf politische Befreiung, sondern persönlichen Glauben und persönliche Lebensführung. Das geht auch unter römischer Herrschaft, sagen sie.
Tatsächlich, wenn man in jüdische Quellen schaut, gibt es nur zwei Zeugnisse, die einen militärischen Messias erwarten. Einmal die Schriften aus Qumran vom Toten Meer, die ich eben schon erwähnt habe. Und dann eine Schrift, die den Namen „Psalmen Salomos“ trägt. Darin heißt es, der Messias wird kommen und die Stadt Jerusalem reinigen von allen ungläubigen Völkern. Und zwar mit eisernem Stab und mit dem Wort seines Mundes. Das ist dann aber auch wirklich alles.
Wenn man also auf die Vielfalt und Unterschiedlichen Haltungen von Juden gegenüber den Römern schaut, und auch auf die sehr vielen verschiedenen Vorstellungen von einem Messias, dann entdeckt man, dass die Idee von einem kriegerischen Messias, der die Römer vertreibt, doch nur bei ganz wenigen Juden existierte. Viel vreiteter ist dagegen die Ansicht, dass die Römer für Frieden und Stabilität sorgen und dass man mit ihnen ein freundschaftliches Verhältnis suchen sollte.
Warum hat sich das Bild vom kriegerischen jüdischen Messias und vom weit verbreiteten Hass gegen die Römer trotzdem so durchgesetzt, vor allem bei Christen? Weil es eben dem Schema entspricht, das wir so oft verwenden: Um Jesus als den Friedefürsten und den Messias der Herzen groß zu machen, machen wir Juden schlecht, indem wir sie als militante Römerhasser darstellen.
Können wir auch hier Jesus groß machen, ohne Juden schlecht zu machen? Ja, natürlich. Wenn wir Jesus als einen König des Friedens und sein Reich als ein reich der Herzen beschreiben, und zwar nicht im Gegensatz zum Judentum, sondern ganz genau weil das die Erwartung vieler Juden war, die aus ihrer Bibel und ihren Schriften gewonnen haben.
Ein Reich Gottes, das eben nicht durch Kampf und Krieg entsteht, sondern durch die freiwillige Hingabe unseres Herzens an Gott als unseren König und ein Leben nach seinem Willen. So haben die jüdischen Rabbinen das Reich Gottes beschrieben, und Jesus macht es genauso.

