Der „jüdische Hass“ auf Samaritaner gehört zu den beliebten Themen christliche Bibelauslegung: Eine deutsche Bibelübersetzung macht aus dem „Samariter“ in Lukas 10,33 deshalb einen „verachteten Samariter“. Aus dem Satz „Juden und Samariter haben nicht die gleichen Bräuche“ in Joh 4,9 wird in einer Bibelübersetzung „Normalerweise wollen Juden nichts mit Samaritern zu tun haben“, in einer anderen „Die Juden meiden nämlich jeden Umgang mit Samaritanern“. Und viele Ausleger behaupten sogar, Juden hätten bei ihren Reisen einen großen Bogen um das Land der Samariter gemacht.

Auch hier ist der Schritt vom Klischee in der Bibelauslegung zum antisemitischen Vorurteil nicht weit. Aus dem Glauben, dass Juden zur Zeit Jesu Samariter hassten, kann leicht der Glaube werden, dass Juden heute Palästinenser und Araber hassen, von denen viele im Gebiet des antiken Samaria wohnen.

Aber auch hier lohnt sich der Faktencheck an den antiken Quellen. War das Judentum wirklich so rassistisch, wie es oft dargestellt wird? Eine neue Folge in der Reihe „Jesus der Jude“ auf @bibletunes .

Eins von den vielen Missverständnissen oder Vorurteilen über Juden ist die Behauptung, dass Juden Sanmariter hassten und umgekehrt.

Auch dieses Vorurteil ist weit verbreitet und oft in Predigten zu hören. Zum Beispiel, wenn es um die Begegnung von Jesus mit der Samaritanischen Frau am Brunnen geht.

Da gibt es nicht nur das Vorurteil, dass jüdischen Männer normalerweise nicht mit Fraune redeten.

Sondern eben auch das, dass ein jüdischer Rabbi nie mit einer Samariterin geredet hätte. Weil Juden eben in der Regel die Samariter hassten.

Und ganz ähnlich ist es beim berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ganz oft wird hier gesagt, dass es in dem Gleichnis darum geht auch den Feind zu lieben oder den Ausländer oder den Samariter. Und vorausgesetzt wird, dass ein Jude natürlich im Normalfall einem verhassten Samariter nicht geholfen hätte.

Auch hier, wie bei den vielen Vorurteilen, die ich in anderen Episoden vorgestellt habe, geht es wieder darum, Jesus groß zu machen: Jesus überwindet den Hass der Juden, indem er mit einer samaritanischen Frau spricht. Und indem er von einem Samariter erzählt, der dem verhassten Feind hilft.

Aber um gleich mal bei dieser Geschichte anzufangen: Die Idee von der Feindesliebe oder der Nächstenliebe gegenüber dem Fremden und Ausländer scheitert schon dana, dass wir gar nicht wissen, ob der verletzte Mann in diesem Gleichnis ein Jude oder ein Samariter war. Oder vielleicht sogar ein Römer oder ein Grieche oder ein Araber. Das steht in dem Bibeltext schlicht und einfach nicht drin. Der Verletzte ist einfach ein Mensch. Hier geht es also nicht darum, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit zu überwinden, weil wir gar nicht wissen, ob es hier um einen Fremden geht. IN der Geschichte geht es also eigentlich um etwas anderes.

Aber wie war es grundsätzlich um das Verhältnis zwischen Juden und Samaritern bestellt?

Vielleicht muss kann kurz verstehen, wie die beiden Gruppen eigentlich entstanden sind. Da müssen wir ein paar Jahrhunderte in der zeit zurück, in die Zeit der biblischen Könige David und Salmo, die über das Königreich Israel regierten. Unter den Nachfolgern von Salomo gab es dann Streit, und das Reich wurde aufgeteilt in ein Nordreich und ein Südreich. Das Nordreich behielt den Namen Israel, die Hauptstadt war jetzt aber nicht mehr Jerusalem, sondern Samaria. Daher Samaritaner.

Das Südreich, in dem hauptsächlich Leute aus dem biblischen Stamm Juda wohnten, bekan den Namen Königreich Jude, daher der Name Juden.

Juden und Samaritaner waren also im Grunde die Nachkommen der Einwohner des Südreiches Juda und des Nordreiches Israel mit der Hauptstadt Samaria.

Die verbreitete Vorstellung, dass die Samaritaner ein fremdes Volk waren, stimmt also nicht. Die Samaritaner nannten sich selbst auch Israeliten. Und es gibt übrigens bis heute etwa 500 Samaritaner, die in Israel leben. Sie haben noch die alte hebräische Schrift aus biblischer Zeit, viele haben noch Familienstammbäume, die bis zu Moses und Aaron zurückreichen, sie lesen die Tora, und sie feiern die Feste der Bibel, also das Passafest, das Laubhüttenfest und so weiter.

Der Hauptstreitpunkt zwischen den beiden Gruppen war die Frage, wer von beiden den echten, richtigen Tempel in seinem Land hat. Die Juden sagten natürlcih: wir haben den richtigen Tempel, in Jerusalem, ursprünglich von David und Salomo erbaut. Die Samaritaner sagten: Nein wir haben den richtigen Tempel, weil wir den älteren Ort haben. Jerusalem kommt nämlich in der Tora gar nicht vor, das kam ja erst viel später. In der Tora ist Sichem der Ort, an dem Israel sich versammelt, und deshalb haben wir den richtigen Tempel. Auf dem Berg Garizim bei Sichen. Diesen Tempel gibt es dort übrigens auch heute noch.

Also: Zwei Gruppen von Israeliten mit zwei unterschiedlichen Tempeln. Das führte natürlich zu Konflikten: Wo bringt man gültige Opfer dar? Wo feiert man die Feste? Und vor allem: Wohin schickt man den Zehnten, also die Abgabe von Früchten, von der Ernte und von allen Schafen und Ziegen?

Weil man sich hier nicht einihg wurde, gab es bei Juden und Samitaner unterschiedliche Reinheitsvorschriften, unterschiedliche Priesterfamilien und so weiter. Und natürlich gab es immer wieder die Frage: Was ist gültig und was nicht? Wenn zum Beispiel ein jüdisxcher Junge von einem Samaritanischen Rabbi beschniotten wird: Ist die Beschneidung dann gültig? Die Antwort ist: Ja.

Wenn ich als Jude in einem samaritanischen Geschäft Wein einkaufe, darf ich den dann trinken oder ist er unrein? Die Antwort: Ja du darfst ihn trinken. Er wurde ja nach den Vorschriften der Tora angebaut und produziert. Aber: Du musst nochmal zehn Proztent von dem Wein an den Tempel in Jerusalem spenden. Warum? Weil der samaritanische Weinbauer zwar schon den Zehnten bezahlt hat, aber ja leider an den falschen Tempel.

Es war also nicht einfach. Aber man fand Regelungen, miteinander zu leben als Nachbarn. Und wir wird es spannend. Wir finden nämlich in den jüdischen Schriften fast keinen Hinweis auf eine Feindschaft zwischen Juden und Samaritern. Ganz im Gegenteil: Ganz im Gegenteil: Aus den Gesetzen der Rabbinen können wir oft ablesen, dass es offenbar gute Nachbarschaft und Freundschaft zwischen Samaritanern gab. Da gibt es zum Beispiel die Frage, wer das Tischgebet sprechen soll, wenn man zusammen isst: Der Jude oder der Samaitaner. Daraus kann man ja auf jeden Fall schließen, dass es üblich war, zusammen zu essen. Und das Tischgebet konnten beide sprechen, nur sollte man als Jude genau hinhören, ob der Samaritaner vielleicht den falschen Tempel in seinem Gebet erwähnt, denn dann soll man nicht Amen sagen.

Es gibt gesetzliche Regelungen dafür, wie man vorhet, wenn ein Jude sein Feld neben einem Samaritaner bestellt. Weil jeder ja seinen Zehnten an einen anderen Tempel shickt. Aber: Unterm Strich heisst das ja, dass Juden und Samaritaner als Nachbarn nebeneinander lebten und ihre Felder nebeneinander bestellten. Und so weiter.

Vielleicht kann man Juden und Samaritaner so in etwa vergleichen mit Evangelischen und katholischen Christen: Da gibt es einzelne Regeln, bei denen wir uns unterscheiden. Als evangelischer Pfarrer zum Beispiel darf ich keine katholische Messe feiern. Ich kann auch nicht Priester werden in der katholischen Kirche. Und schon gar nicht Papst. Aber wenn ich ein Kind evangelisch taufe, wird die Taufe auch von der katholischen Kirche anerkennt.

Kann man wegen dieser Unterschiede sagen, dass Evangelische und katholische sich hassen? Oder dass Katholiken bei den Evangelischen Verhasst sind? Sicher nicht.

Es gibt eine spannende Diskussion zwischen jüdischen Rabbis in den rabbinischen Schriften. Da unterhalten sie sich darüber, ob man Samaritaner eher wie Juden oder eher wie Nichtjuden behandelt sollte. Und wie immer gab es zwei Meinungen: Der eine sagt: Man sollte sie lieber wie Nichtjuden behandeltn, weil man ja im Einzelnen nie weiß, ob sie die Gesetze richtig einhalten oder nicht. Der andere sagt: Man sollte sie so behandeln wie Juden, denn: Sie haben zwar in manchen Fragen andere Gesetze als wir, aber in den Fragen, wo wir uns einig sind, halten sie ihre Gesetze besser als wir. Das ist ein Lob für einen Samariter aus jüdischem Mund.

Oft wird von Christen behauptet, dass die Juden einen großen Bogen machten um das Land der Samaiter, wenn sie von Galiläa nach Jerusalem gingen. Und dass es deshalb etwas ganz besonderes wäre, dass Jesus mitten durch Samaria geht. Aber auch hier zeichnen wir wieder ein übertriebenes Bild von jesus als dem Überwinder von jüdischem Rassismus.

Tatsächlich ist es nämlich so, dass ein jüdischer Geschichsschreiber aus der Zeit Jesu schreibt: Es war bei den Juden dieser Zeit üblich, durch das Gebit der Samariter zu gehen, wenn sie aus Galiläa nach Jerusalem gehen wollten. Jesus tut also nichts besonderes.

Es gab also keinen Hass zwischen Juden und Samaritanern. Was es aber gab, war ein Streit darüber, wer von beiden die Gesetze der Tora besser beachtet. Beide waren überzeugt, dass sie wenn es drauf ankommt, gesetzestreuer sind als die anderen.

Wenn wir mit diesem Blick jetzt wieder zurückkehren zu den biblisschen Geschichten, dann wir klarer., worum es hier geht: Die Samaritanische Frau wundert sich, dass Jesus Wasser aus ihrem Trinkgefäß trinken will. Denn genau hier gab es einen Disput: Ob samaritanische Trinkgefässe rein sind oder nicht. Das schreibt auch Johannes. Er schreibt: Denn die Juden haben nicht dieselben Bräuche wie die Sanmaritaner. Sie benutzen nicht dieselben Gefäße. Viele Bibelübersetzung übersetzen hier viel zu ungenau. Da liest man dann so etwas wie: Die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritanern. Oder: Denn die Juden wollen nichts zu tun haben mit Samaritanern. Das alles steht da aber nicht. Sondern: Sie haben nicht dieselben Bräuche. Hier geht es also nicht darum, dass Jesus den jüdischen Hass gegenüber Samaritanern überwindet.

Und ganz genau so ist es auch im Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Hier geht es nicht darum, ob man auch den verhassten Feind lieben soll. Oder dass der Samariter die Grenzen des Rassenhasses überwindet, während die beiden Juden sich rassistisch verhalten.

Nein, es geht um etwas ganz anderes: Es geht um die Frage, wer von den dreien das Gesetz Gottes am besten erfüllt hat. Der Priester und der Levit, die das Gesetz eigentlich kennen, halten sich nicht daran. Der Samaritaner aber, dem man immer unterstellt, er sei weniger gesetzestreu und halte das Gesetz nicht so richtig, der ist der einzige, der es wirklich hält. Und Jesus endet mit dem Satz: Gehe hin und tue dasselbe. Der Samaritaner ist also ein gutes Vorbild für echten Gesetzesgehorsam, der sich in der Liebe zum Nächsten zeigt.