Werkgerechtigkeit oder Gerechtigkeit „allein aus Gnade“? Für viele Christen liegt der entscheidende Unterschied zwischen Judentum und Christentum an dieser Stelle: Sie meinen, Juden wollen sich durch Gesetzesgehorsam und gute Werke den Himmel verdienen – und kennen daher die Gnade Gottes nicht. Christen dagegen leben aus der Gnade Gottes – und sind deshalb „frei vom Gesetz“.

Aber stimmt diese Rollenverteilung? Ein Blick ins Neue Testament und in jüdische Quellen zeigt, dass diese Sicht nicht nur ein falsches Bild des Judentums vermittelt, sondern letztlich auch zu einem falschen Verständnis des Christentums und der Botschaft Jesu führt. Eine neue Folge aus der Reihe „Jesus der Jude“ auf @bibletunes .

Glauben Juden, dass man sich durch Gesetzesgehoram den Himmel verdienen kann? So scheint es oft, wenn man christlichen Predigten oder Bibelauslegungen zuhört.

Dann wird der Gesetzesgehoram von Juden nämlich nicht nur als besonders kleinlich oder penibel oder engstirnig dargestellt. Sondern, so wird es gesagt, er dient auch dazu, sich durch gute Werke den Himmel zu verdienen. Ein bekannter Bibelforscher des letzten Jahrhunderts hat es einmal so ausgedrückt: Das Judentum ist eine Religion der vollkommenen Selbsterlösung.

Und wie bei vielen der Mißverständnisse und Vorurteile, die ich in den letzten Episoden vorgestellt habe, dient dieses negative Bild vom Judentum dann dazu, Jesus um so besser dastehen zu lassen:

Bei Jesus, so heißt es dann, zählt nur die Gnade allein, und nicht die guten Werke.

Aber ist es wirklich so einfach: Hier die Werkgerechtigkeit, dort die Gerechtigkeit allein aus Gnade und ohne Werke?

Meine Antwort wäre: Nein, es ist komplexer. Sowohl bei Jesus als auch bei den Rabbis seiner Zeit.

Vielleicht ist ein guter Startpunkt nochmal das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, über das ich ja schon in der letzten Episode geredet habe. Da geht es ja darum, dass jemand ganz praktisch gute Werke tut. Nämlich die Nächstenliebe. Und dafür wird er von Jesus ausdrücklich gelobt. Und das ist ja nur ein Beispiel. Natürlich sind Werke für Jesus wichtig. Vor allem die Nächstenliebe. Aber dann auch, die Kranken zu besuchen, die Gefangenen zu besuchen, den Durstigen zu trinken zu geben und noch viel mehr. Das würde wohl auch kaum jemand bezweifeln.

Aber: So würden viele Christen sagen. Wir als Christen tun die guten Werke natürlich nciht, um uns den Himmel zu verdienen. Oder um das eweige Leben zu kriegen. Wir tun sie einfach so, aus Liebe zu Gott und aus Gehorsam.

Aber hier lohnt es sich, einmal die Verse anzusehen, die gleich vor dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter stehen. Da wird erzählt wie ein jüdischer Gesetzesexperte zu Jesus kommt und sagt: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?

Das war also eigentlich die Ausgangsfrage. Nicht: Wer iost mein Nächster: Sondern: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen.

Wir hätten erwartet, das Jesus antwortet: Nichts. Es ist alles Gnade. Wenn man was tun müsste, das wäre ja werkhgerecht

Aber Jesus antwortet eben nicht so. Er gibt die Frage zurück an den jüdischen Experten und fragt: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du da. Der antwortet: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.

Und Jesus gibt ihm völlig Recht: Er sagt: Du hast richtig geantwortet. Tu das, und du wirst leben.

Merkt ihr, was hier passiert? Jesus und der jüdische Gesetzesexperte sind sich in einer Sache völlig einig. Wer das ewige Leben bekommen will, der muss sich an das Gesetz Gottes halten. Und das sagt: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Das klingt doch eigentlich ganz eindeutig: Gesetzesgehorsam führt zu ewigem Leben.

Hier gibt es keinen Unterschied zwischen Jesus und seinen jüdischen Zeitgenossen.

Es gibt einen rabbinischen Lehrspruch, der sagt: Kein Wort aus der Gesetz ist umsonst geschrieben. Halte sie ein, dann bekommst du Lohn, schon in diesem Leben, aber noch mehr in der kommenden Welt, im ewigen Leben. Wer Gottes Gebote hält, der genießt ihre Früchte schon hier, aber noch viel mehr in der kommenden Welt.

Und auch Jesus spricht ja davon, dass man sich Schätze sammeln soll im Himmel.

Aber es gibt eben bei den Rabbis auch die Warnung, gute Werke nur deswegen zu tun, weil man sich den Himmel verdienen will. Ein Rabbi sagt zum Beispiel: Seid nicht wie Diener, die ihrem Herrn nur dewegen dienen, weil sie dafür Lohn erhalten. Sondern seid wie Diener, die arbeiten, als würden sie keinen Lohn bekommen, sondern alles tuzn aus Ehrfurcht vor Gott.

Ein anderer sagt: Du sollst nicht die Tora einhalten, um reich zu werden Und auch nicht, um Rabbi genannt zu werden. Und auch nicht für den Lohn in der kommenden Welt. Sondern du sollst alles tun aus Liebe zu Gott.

Und an einer anderen Stelle wird gesagt: Es gibt sieben verschiedene Sorten von Pharisäern. Ja, es gibt solche, die ihre guten Taten vorzeigen, weil sie damit angeben wollen. Es gibt auch die, die nur deswegen gute Taten tun, damit sie in den Himmel kommen. Oder, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, und ihre bösen Taten damit ausgleich wollen. Aber dann gibt es eben auch solche Pharisäer, die alles aus Furcht vor Gott tun. Oder, noch besser, aus Liebe zu Gitt. Und diese, wird dann gesagt, diese sind Gott am liebsten.

Es gibt also in der jüdischen Welt eine gute Balance zwischen Werkgerechtigkeit und Liebe zu Gott: Natürlich sollen wir gerecht leben, aber nicht um uns den Himmel zu verdienen, sondern aus Liebe zu Gott.

Und dann gibt es ja noch die Gnade. Die gibt es nämlich auch nicht nur bei Jesus. Dass Gott uns immer zuerst liebt, noch bevor wir irgdnetwas leisten können, ist eine Grundüberzeugung der Bibel schon im alten Testament. Und deshalb auch in der jüdischen Tradition.

Im Fünften Buch Mose, Kapitel 7, sagt Gott zu Israel: Ich habe euch nicht erwählt, weil wir besser oder schöner oder größer seid als alle anderen Völker. Sondern ich habe euch erwählt, weil ich euch liebe. Gottes Liebe kann man sich nicht verdienen, die gibt es geschenkt.

Das wird ja in der jüdischen Tradition zum Beispiel auch daran deutlich, dass jüdische Jungens am achten Tag ihrer Geburt beschnitten werden. Die Beschneidung ist ein zeichen für die Aufnahme in Gottes Gnadenbund. Das gescheiht am achten Tag des Lebens, zu einem Zeitpunkt, zu dem das Kind noch nichts leisten kann. Später dann, mit 13 Jahren, dann soll es auch anfangen, die Gebote Gottes einzuhalten.

Ja, gute Werke sind wichtig. Aber Gottes Liebe und Gnade kommen schon lange, bevor wir irgendwelche guten Werke tun können.

Das wird zum Beispiel auch deutlich am jüdischen Kalender. Der höchste Feiertag des Kalenders ist Jom Ha-Kippurim oder Jom Kippur, der große Tag der Versöhnung mit Gott. An diesem Tag kommt man in der Synagige zusammen, um zu bekennen, das man gesündigt hat und das man keine guten Werke aufzuweisen hat, mit denen man sich den Himmel verdient hat. Aber man bittet Gott um Gnade und Vergebung. Und Gott hat in der Bibel ein Angebot gemacht: Am Versöhnungstag, so war es in biblischer Zeit, wurde im Tempel ein Sündenbock getötet, stellvertretend für die Sünde des Volkes. Damit wurde die Schuld bereinigt.

 Gott selbst macht durch dieses Fest deutlich: Ich bin es, der euer Leben in Ordnung bringt. Das könnt ihr nicht durch eure eigenen Werke hinkriegen. Das braucht ihr auch nicht. Denn ich kümmere mich um eure Schuld, wenn ihr sie zu mir bringt.

Jesus nimmt im Neuen Testament dieses Bild vom Sündenbock als ein Bild, um zu erklären, was passiert, als er am Kreuz stirbt: Er sagt: Ich gebe mein Leben, um euch freizukaufen. Und beim letzten Abendmahl sagt er: Ich vergieße mein Blut zur Vergebung eurer Sünden, so wie es der Sündenbock am Jom Ha-Kippurim tut.

Ich selbst, Gott in Person, nehme eure Sünden auf mich, wenn ihr sie bei mir abladet.

So kommen bei Jesus, so wie im Judentum, gute Werke und Gottes Gnade zusammen. Natürlich sollen wir gute Werke tun. Aber nicht aus Berechnung, sondern aus Liebe zu Gott.

Und gleichzeitig müssen wir aber auch ehrlich werden und zugeben: Wir tun diese Werke nicht, die wir tun sollen. Und deshalb brauchen wir Ende Gottes Gnade und Vergebung.

Beides gehört im jüdischen Glauben eng zusammen. Und beides gehört auch bei Jesus eng zusammen.

Wenn wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter lesen, dann beginnt es mit der Frage: Wie kann ich das ewige Leben bekommen? Und Jesus ist sich einig mit dem jüdischen Gesetzeslehrer: IN dem du das Gesetz Gottes hältst und es tust.

Aber dann erzählt er das gleichnis vom Priester, vom Leviten und vom Samaritaner. Zwei, die das Gesetz nicht tun, vielleicht aus Faulheit, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Bequemlichkeit. Und dann den der es tut.

Und wir stehen mit der Frage da: Welcher von den dreien wäre ich wohl gewesen? Und ich für meinen Teil muss sagen: Ich bin viel zu oft wie der Priester und der Levit. Ich tute eben nicht das richtige.

Und deshalb muss ich das Lukasevangelium bis zum Ende lesen. Denn auf dieses Ende läuft es hin. Am Ende des Evangeliums stehe ich vor dem Kreuz und sehe: Hier gibt es Gnade. Hier gibt es einen der meine Schuld trägt.

Und das ist eine Botschaft, die nicht im Gegnsatz zum jüdischen Glauben steht, sondern, die tief verwurzelt ist in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel und mit der Welt.

Und mit mir und dir. Die Gnade steht am Ende da, auch da, wo meine guten Werke aufhören.

Wir müssen also auch hier nicht Jesus gegen das Judentum ausspielen. Sondern wir können Jesus groß machen, weil er genau das am Kreuz vollbringt, woran das Judentum glaubt und worauf es hofft. Den Sieg der Gnade Gottes über die Schuld der Welt.