
Es war auf einer christlichen Tagung Anfang des Jahres: Wir sangen ein wohlvertrautes Lied des Songwriters Albert Frey, und der Refrain lautete: „Und ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst. Und dass du mich beim Namen nennst und mir vergibst. Herr, du richtest mich wieder auf, und du hebst mich zu dir hinauf. Ja, ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst.“
Trotzdem? Trotz was eigentlich? Nach dem Lied entspann sich eine lebhafte Diskussion. Eine Teilnehmerin äußerte ihr Unbehagen: „Bin ich denn so wenig liebenswert, dass Gott sich überwinden muss, mich zu lieben?“. Ein Pfarrer berichtete: „In meiner Gemeinde haben die Konfirmanden sofort protestiert, als wir dieses Lied sangen. Deshalb haben wir es umgeschrieben, und wir singen jetzt: „Ich danke dir, dass du mich kennst und gerade deshalb liebst!“. Ein anderer Teilnehmer, ebenfalls Pfarrer, widersprach: „Für mich ist das gerade das Wunderbare, dass Gott mich liebt, obwohl ich ein Sünder bin – und zwar durch und durch.“ Was also stimmt? Liebt Gott uns, obwohl wir sind, was wir sind? Oder gerade weil wir sind was wir sind?
Szenewechsel: Kurz nacheinander führen wir zwei Vorstellungsgespräche mit Bewerberinnen für das nächste Schuljahr. Beide kommen jeweils an der gleichen Stelle deutlich ins Stocken: Als wir sie danach fragen, auf was sie in ihrem Leben stolz sind. Nicht, dass es da nicht genug Gutes zu nennen gäbe. Aber stolz darauf sein? Darf man das denn? Fast scheint es so, als wäre es schlimm oder verboten, wenn wir als Christen Stärken oder Erfolge haben. Als dürften wir uns nicht freuen, wenn uns etwas gut gelingt. Als bestünde echte christliche Demut darin, nur um unsere Schwächen zu wissen und die Stärken möglichst verborgen zu halten.
„100 Prozent schlecht?“
Noch ein Szenenwechsel: Im Unterricht schauen wir uns unterschiedliche Videoclips zur Deutung der christlichen Botschaft an. Der erste Videoclip zeigt eine Szene an der Himmelspforte: Jeder Mensch muss dort auf eine Waage steigen, die seine Person beurteilt. Auf einer Skala zwischen „100 Prozent gut“ und „100 Prozent schlecht“ startet der Zeiger bei manchen zunächst unschlüssig in der Mitte: „So la la…“. Dann jedoch neigt er sich regelmäßig bis zum Anschlag dem untreren Ende der Skala zu. Ein häßlicher Signalton erschallt, und das Ergebnis wird verkündet: „100 Prozent schlecht“. Ganz gleich, ob da der erfolgreiche Geschäftsmann, die engagierte Studentin, der Schwerverbrecher oder der treue Kirchgänger auf der Waage steht: Das Ergebnis lautet immer gleich. Selbst ein Mann, der sich sein Leben lang für arme Menschen, Kinder in Afrika, Suppenküchen und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hatte: Keine Chance. In Gottes Augen ist selbst die beste Absicht, das frömmste Leben und der liebevollste Mensch „100 Prozent schlecht“. Es ist wie das mathematische Minus vor der Klammer, das alles, selbst das größte Plus innerhalb der Klammer, ins Negative wendet.
„Fehlerlos und gut, so wie wir sind?“
Gleich im nächsten Videoclip jedoch dann eine ganz andere Sicht der Dinge: In einer Fernsehshow berichtet ein Talkgast davon, wie er als christlich erzogenes Kind mit eben diesem Bild von sich selbst und von Gott groß wurde und es später als prominenter Prediger selbst verkündigte. Heute könne er das nur als „geistlichen Mißbrauch“ bewerten, und von dieser Art zu Glauben habe ich sich erst mühsam losmachen müssen: „Ich glaube, jedes Kind hat ein Recht darauf, dass wir ihm sagen, dass es wertvoll ist. Dass es gewollt ist. Dass es fehlerlos ist, und dass es so, wie es ist, gut ist.“
Am Ende der Stunde sitzt eine Schülerin noch etwas nachdenklich im Raum und kommentiert: „Ich glaube, die Pädagogin in mir ist lauter als die Theologin: Als Pädagogin möchte ich jeden Menschen als gut ansehen, so wie er ist. Als Theologin aber weiß ich, dass jeder Mensch ein Sünder ist. Was soll ich denn jetzt machen?“ Als Dozent bin ich froh, dass solche Äußerungen in der Biographie unserer Studierenden meistens nur Momentaufnahmen bleiben: Nicht das fertige Ergebnis einer Unterrichtseinheit, sondern spannungsvoller Ausgangspunkt für weitere Reflexion und Arbeit an der eigenen Welt- und Selbstsicht, sowie der daraus resultierenden pädagogisch-theologischen Haltung.
Pädagogisch-theologische Schizophrenie?
Denn das wäre ja in der Tat schlimm, wenn wir unsere berufliche und persönliche Identität in zwei so gegensätzliche Perspektiven aufspalten müssten: Wenn die Erkenntnisse aus Humanwissenschaft, Pädagogik, Psynchologie und Soziologie uns ein völlig anderes Bild von der menschlichen Identität liefern würden als die Erkenntnisse, die wir aus biblischer Überlieferung, jüdisch-christlicher Tradition und moderner Theologie gewinnen. Hier das Bild eines ausnahmslos guten, fehlerlosen und in allen Aspekten seiner Identität zu bestärkenden Menschen, und dort das Bild eines im Kern verderbten, verworfenen, und von sich aus zu nichts Gutem fähigen Menschen, der nichts als Tod und Strafe verdient hat? Diese Trennung der Perspektiven würde auf Dauer vermutlich zu einer inneren Zerrissenheit oder einer fachlichen Schizophrenie führen und verhindern, dass wir als Christen ein ganzheitliches, in sich stimmiges Bild des Menschen entwickeln.
Von meinen pädagogischen Fachkollegen höre ich aber, dass das Menschenbild auch innerhalb der Pädagogik gar nicht so eindimensional ist, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte: Auch hier machen Defizite und Unvollkommenheit, neben den Stärken und Ressourcen, durchaus einen wichtigen Teil menschlicher Identität aus. Nur so machen die Begriffe „Bildung“ und „Entwicklung“ ja erst Sinn. Und auf der anderen Seite ist auch in der jüdisch-christlichen Tradition die Sicht der menschlichen Identität nicht so einseitig, wie es der Begriff des „Sünders“ nahelegt.
Biblische Grundlinien
Das erste, was über den Menschen in der Bibel gesagt wird, ist rundweg positiv: Er ist Geschöpf und Ebenbild Gottes (1. Mose 1,27) und bekommt von diesem nach seiner Erschaffung das Werturteil „sehr gut“ zugesprochen (1. Mose 1,31). Ein Urteil, das sicher nicht umsonst noch über das Urteil „gut“ hinausgeht, das Gott an den anderen Schöpfungstagen ausgesprochen hatte. Findige Christen werden nun einwenden, dass dieses „sehr gut“ sich nur auf den Menschen bezog, solange er im Paradies war und nicht gesündigt hatte. Nach dem Sündenfall jedoch habe sich das Blatt gewendet: Für heute gelte daher nur noch das Urteil, dass „der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar“ (1. Mose 6,5). Oder wie es Paulus ausdrückt: „
»Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Röm 3,10-12).
Bei genauem Hinsehen jedoch zeigt sich, dass eine so klare zeitliche Trennung – „am Anfang war alles nur gut und jetzt ist alles nur schlecht“ – in den biblischen Texten gar nicht vollzogen wird: Denn zum einen ist der Mensch schon im Paradies nicht ohne Defizit. Schon kurz nach seinem „sehr gut“ urteilt Gott nämlich: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18). Schon im Paradies also gab es Defizite und nicht alles war gut. Die Erfahrung des Mangels und des Defizits gehört also zum Menschsein von Anfang an. Das aber ändert nichts an Gottes Gesamturteil, dass er „sehr gut“ sei. Kann man daraus vielleicht schließen, dass „sehr gut“ und „fehlerlos“ nicht unbedingt dasselbe sind?
Aber auch nach der Vertreibung aus dem Paradies wird das positive Urteil Gottes über den Menschen nicht aufgehoben, auch wenn nun auch die Realität des Bösen sein Dasein dauerhaft mitbestimmt: Wenn in Psalm 139 ein Mensch dem Schöpfer dafür dankt, dass wir „wunderbar gemacht“ sind, dann bezieht sich das nicht auf Adam und Eva vor langer langer Zeit, sondern auf unsere Identität hier und jetzt. Und in der hebräischen Sprache gibt es keinen Hinweis darauf, dass „wunderbar“ weniger positiv als „sehr gut“ ist. Das positive Urteil Gottes über den Menschen ist ein bleibendes: Wir bleiben „Geliebte Gottes“ (Jer 11,15; Röm 11,28; 2. Thess 2,13; Röm 5). Wir bleiben „Angenommene“ (Ex 3,16; Deut. 7,7; Röm 15,7). Aber das bedeutet eben nicht, dass wir ohne Fehler, ohne Defizite oder ohne Sünde wären. Im Gegenteil, viele der genannten Bibeltexte erwähnen ausdrücklich, dass die bedingungslose Liebe Gottes zu uns gerade nicht in unseren Qualitäten, Vorzügen oder Stärken begründet ist:
„Der Herr hat euch nicht deshalb angenommen und ausgewählt, weil ihr größer wäret als alle Völker. Du bist nämlich in Wirklichkeit das Kleinste unter allen Völkern. Sondern weil er euch geliebt hat und zu den Zusagen steht, die er euren Vätern gegeben hat“ (Dt. 7,7)
Die Liebe Gottes ist nicht daran gebunden, dass wir perfekt, fehlerlos oder sündlos wären. Gerade darin liegt das Befreiende der biblischen Botschaft. Seine Liebe gilt sogar da, wo wir uns ihr ganz ausdrücklich widersetzen:
„Was macht mein geliebtes Volk in meinem Hause? Sie treiben lauter Bosheit und meinen, Gelübde und heiliges Opferfleisch könnten die Schuld von ihnen nehmen; und wenn sie übel tun, sind sie guter Dinge darüber.“ (Jer 11,15)
„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. […] Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“ (Röm 5,8 und 10)
Gegensätzliche Erklärungsversuche
In der Geschichte der Kirche hat es verschiedene Erklärungsversuche gegeben, diese beiden Grundlinien der Bibel, die scheinbar einander entgegen laufen, zusammen zu denken: Die Identität des Menschen als gute Schöpfung Gottes und geliebtes Kind, und seine Identität als Sünder und sogar Feind Gottes. Zwei Lösungen sind dabei immer wieder vorgeschlagen worden, die auch heute vielfach in den Köpfen vorhanden sind. Beide arbeiten im Grunde mit einem Schema von „Kern“ und „Schale“, mit einer Unterscheidung der „eigentlichen Identität“ von der „scheinbaren Identität“: Für die einen ist der Mensch „im Kern gut“, auch wenn es von außen manchmal anders aussieht. Alles Schlechte, alle Defizite, alle Mängel, alles Fehlverhalten, das alles ist eigentlich nicht Teil seiner Identität. Es „passiert halt“, es ist „anerzogen“ oder „gesellschaftlich bedingt“. Aber all das „bin ich eigentlich nicht“. Meine wahre Identität, die ist nur dahinter oder darunter verborgen. Getreu dem Motto: Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.
Die gegensätzliche Ansicht ist dagegen gerade bei sehr gläubigen Christen weit verbreitet: Demnach ist die menschliche Identität „im Kern böse“, und selbst das, was nach außen gut erscheint, ist letztlich nur Selbsttäuschung. Aus dieser Haltung rührt dann auch die Angst, auf „vermeintliche“ Stärken oder Erfolge stolz zu sein – denn gerade Stolz ist natürlich eine Sünde. Aus der biblischen Aussage, dass wir „nicht aufgrund unserer Werke gerettet werden“, wird dann eine grundsätzliche Ablehnung von guten Werken. Denn gute Werke – so nimmt man an – dienen letztlich nur dazu, den bösen Kern zu verdecken und sich so doch noch die Liebe und Annahme zu verdienen, die man an sich nicht verdient hat.
Die erste Ansicht, der Mensch sei im Kern seiner Identität gut und nur nach außen hin ein wenig ramponiert, begegnet schon bei dem altkirchlichen Lehrer Pelagius, der von der Kirche als Irrlehrer verurteilt wurde. Aber auch in der heutigen römisch-katholischen Lehre vom Menschen geht man davon aus, dass es irgendwo im Menschen einen guten Kern gibt, auch wenn er noch so verborgen ist.
„Das Bild Gottes ist in jedem Menschen gegenwärtig. […] Der Mensch hat am Licht und an der Kraft des göttlichen Geistes teil. Durch seine Vernunft ist er fähig, die vom Schöpfer in die Dinge hineingelegte Ordnung zu verstehen. Durch seinen Willen ist er imstande, auf sein wahres Heil zuzugehen. Er findet seine Vollendung in der „Suche und Liebe des Wahren und Guten. Dank seiner Seele und seiner geistigen Verstandes- und Willenskraft ist der Mensch mit Freiheit begabt, die „ein erhabenes Kennzeichen des göttlichen Bildes im Menschen“ ist. […] “ (Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1702-1705).
Zwar gilt auch hier, dass der Mensch ein Sünder ist. Allerdings betrifft die Sünde lediglich das Handeln des Menschen, nicht aber seine eigentliche Identität. Seine von Gott geschaffene Natur ist „verwundet“, aber nicht „tot in Sünden“, wie es Paulus in Eph 2,1 formuliert. Er „neigt zum Bösen“, aber ist nicht böse.
„Der Mensch hat auf Anraten des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an seine Freiheit mißbraucht. Er ist der Versuchung erlegen und hat das Böse getan. Zwar verlangt er immer noch nach dem Guten, aber seine Natur ist durch die Erbsünde verwundet. Er neigt zum Bösen und ist dem Irrtum unterworfen.“ (Nr. 1707)
Die gegensätzliche Ansicht dagegen wurde vehement vom Kirchenvater Augustinus vertreten, und sie ist eng mit dem Gedanken der Erbsünde verknüpft: Der Mensch hat demnach seine Identität als Sünder von Geburt an, sie macht ihn im Wesen aus, und sie ist für ihn unveränderbar, auch wenn er sich zum Guten entwickelt und ein vorbildliches Leben führt. In der Reformationszeit war es Matthias Flacius, ein besonders strenger Anhänger Luthers, der behauptete, nach dem Sündenfall sei der Mensch nicht mehr „Ebenbild Gottes“, sondern „Ebenbild des Teufels“. Diese extreme Ansicht wurde von den lutherischen Kirchen später jedoch verworfen. In der „Konkordienformel“ von 1577 wurde festgehalten:
„Es wird derzeit darüber gestritten, ob die Erbsünde eigentlich und ohne Einschränkung die verderbte Natur, Substanz und Wesen des Menschen ausmache, oder ob – im Gegenteil – gerade der Teil des Menschen, der sein vornehmster und edelster ist, also die vernünftige Seele, in ihrem höchsten Grad und Kräften, das Wesen des Menschen ausmacht. […] Wir glauben, lehren und bekennen, dass zwischen der eigentlichen Natur des Menschen, […] die auch nach dem Sündenfall noch eine Schöpfung Gottes ist und bleibt, und der Erbsünde ein Unterschied zu machen ist, und zwar ein Unterschied, der so groß ist wie der Unterschied zwischen Gott und dem Teufel.“
Allerdings schloss man sich auch nicht der gegenteiligen Sicht an, derzufolge im Innersten des Menschen ein „reiner Kern“ verblieben sei, der nicht auch von der Erbsünde beeinträchtigt sei:
„Wir glauben, lehren und bekennen aber auch, dass die Erbsünde nicht sei eine schlechte, sondern eine so tiefe Verderbung menschlicher Natur, daß nichts Gesundes oder unverderbt an Leib und Seele des Menschen, seinen innerlichen und äußerlichen Kräften geblieben, sondern wie es in dem Lied heißt: Durch Adams Fall ist ganz verderbt // menschlich Natur und Wesen“. (Konkordienformel, Artikel 1)
Auch im Heidelberger Katechismus, der bis heute in den reformierten Kirchen wergweisend ist, wird ein ähnliches Bild des Menschen gezeichnet: Zwar bleibt er dauerhaft ein Ebenbild Gottes, dieses ist aber doch „ganz verderbt“:
„Hat denn Gott den Menschen so böse und verkehrt erschaffen? Nein. Gott hat den Menschen gut und nach seinem Ebenbild erschaffen, das bedeutet: wahrhaft gerecht und heilig. […] Woher kommt denn diese böse und verkehrte Art des Menschen? Aus dem Fall und Ungehorsam unserer ersten Eltern Adam und Eva im Paradies. Da ist unsere Natur so vergiftet worden, dass wir alle von Anfang an Sünder sind.“ (Heidelberger Katechismus, Fragen 6 und 7)
Ganz oder gar nicht?
Die beiden sehr gegensätzlichen Erklärungsmodelle haben eines gemeinsam: Sie denken in Kategorien von „ganz“ oder „gar nicht“. Der Mensch ist in seiner innersten Identität entweder „ganz und gar gut“ oder „ganz und gar böse“. In der Konsequenz heißt das: Wenn ich einem Menschen mit Annahme und Liebe begegnen will, dann bedeutet es, dass ich „gar nichts“ Schlechtes oder Falsches an ihm finden darf. Wenn ich ihn dagegen mit theologischen Augen sähe, dann dürfte ich „gar nichts“ Gutes an ihm fiinden. Selbst das Beste, was er tut, wendet sich dann in Böses – nämlich in einen Akt der Selbstgerechtigkeit. Und da ist sie wieder: die innere Schizophrenie.
Aber muss dieses ganz-oder-gar-nicht-Denken denn eigentlich sein? Wenn ich die Bibel richtig verstehe, dann trennt sie beim Menschen nicht zwischen „Kern“ und „Schale“, zwischen „eigentlicher Identität“ und „zufälligen Eigenchaften“. Die Werturteile „sehr gut“ und „wunderbar gemacht“ beziehen sich auf den ganzen Menschen, so wie er ist. Aber auch das Urteil über den Menschen als Sünder und Feind Gottes bezieht sich auf den ganzen Menschen, so wie er ist. Ich kann beides nur so zusammen denken, dass Gutes und Böses alle Fasern meines Menschseins durchdringen, dass beides hineinreicht bis in den innersten Kern meiner Identität. Beides macht mich aus, und beides gehört zu mir. Da will ich realistisch und auch ehrlich sein. Deshalb ist meine eigentliche Identität weder „vollkommen gut“ noch „vollkommen böse“, sondern beides gehört zu mir und macht meine Identität aus. Mein ehemaliger Professor für Dogmatik, Wilfried Härle, beschreibt das so:
„Wäre die Sünde die Natur des gefallenen Menschen, so wäre die Überwindung ihrer Macht über den Menschen nicht möglich – außer durch Beseitigung des Menschen selbst. […] Das Sünder-Sein ist demzufolge nicht (substanzontologisch) zu denken als eine negative Verwandlung der menschlichen Natur, sondern (relationsontologisch) als ein Bestimmtwerden des menschlichen Personzentrums durch die Macht der Sünde. Dieses Personzentrum [ist] das Beziehungsgefüge von Gefühl, Vernunft und Wille des Menschen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit. Die Macht der Sünde als peccatum originale [d.h. Erbsünde] besteht darin, daß sie in dieses Zentrum eingedrungen ist und von ihm aus seine Wirkung entfaltet. […] Weil das Personzentrum des Menschen von dieser Verfehlung mitbestimmt ist, darum bleibt in ihm nicht irgendein Seelenvermögen als intakte Instanz übrig, von der aus der Mensch seine eigene Rettung und Befreiung ins Werk setzen könnte. […] diese Knechtschaft kann darum nur von außerhalb aufgebrochen werden, nämlich dadurch, daß einem Menschen die zurechtbringende, rettende und befreiende Wahrheit begegnet und er sich von ihr bestimmen läßt.“ (W. Härle, Dogmatik, 1995: 478-479)
Die Guten, die Bösen — und die Normalen
In meiner Begegnung mit dem Judentum habe ich eine Sicht des Menschen kennenlernt, die mir sehr sympatisch erschien. Und ich glaube, sie passt auch gut zu dem Bild des Menschen, dass wir in der Bibel finden: Jedes Jahr im Herbst, im September oder Oktober, feiert das jüdische Volk das „Neujahrsfest“, den Beginn eines neuen Jahres im religiösen Kalender. Die jüdischen Rabbinen lehren, dass zu diesem Termin Gott jeden Menschen beurteilt und Gericht über ihn spricht. Das Bild von einem König, der kommt, um mit seinen Knechten Abrechung zu halten, ist uns auch aus einigen Gleichnissen Jesu bekannt (z.B. Mt 18,23-35). Es wird auch in vielen Gleichnissen der Rabbinen verwendet. Wie sieht nun diese Abrechnung aus?
„Rabbi Kruspedai lehrte im Namen von Rabbi Johanan (ca. 250 n.Chr.): Drei Bücher werden am Neujahrsfest aufgeschlagen: eins für die ganz und gar Gottlosen, eins für die ganz und gar Gerechten und eins für die dazwischen. Die ganz und gar Gerechten werden sofort zum Leben aufgeschrieben und besiegelt, die ganz und gar Gottlosen werden sofort zum Tode aufgeschrieben und besiegelt. Die dazwischen aber bleiben vom Neujahrstag bis zum großen Versöhnungstag in der Schwebe. Kehren sie um, so werden sie zum Leben aufgeschrieben. Kehren sie nicht um, so werden sie zum Tode aufgeschrieben.“ (Babylonischer Talmud, Rosh Hashana 16b-17a)
Der große Versöhnungstag, der zehn Tage nach dem Neujahrsfest gefeiert wird, ist der Tag, an dem man sich daran erinnert, dass Gott es ist, der dem Sünder vergibt und der die Schuld des Volkes sühnt. Im Alten Testament war der sprichwörtliche „Sündenbock“, der im Tempel geopfert wurde, dafür ein Bild. Zehn Tage Zeit bleiben also, um sich Gott zuzuwenden, in Gebet, Fasten und einem veränderten Leben. So erhält jeder Mensch die Chance für einen Neuanfang. Mich entspannt und entlastet diese jüdische Sicht des Menschen. Was mir daran vor allem sympatisch ist, ist die Vorstellung, dass es ein Buch für die „Mittelmässigen“ gibt. Diejenigen, die viel Gutes und eben auch viel Böses in sich tragen. Die Normalen eben. Denn mit denen kann ich mich identifizieren. Und die meisten Juden, die ich traf, taten das auch.
Bunte Identitäten statt Schwarz-Weiß-Denken
Könnte es nicht auch sein, dass Gott uns tatsächlich so sieht? Weder als „völlig verdorben“ noch als „völlig fehlerlos“ – sondern eben als Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Schönheit und mit Makeln? Könnte es sein, dass es bei Gott nicht nur schwarz und weiß, sondern alle möglichen Schattierungen von Farben dazwischen gibt? Könnte es nicht sein, dass Gott sich wirklich und aufrichtig über das Gute an uns freut und sogar stolz auf uns ist, auf unsere Stärken, Erfolge – ja, vielleicht sogar auf die guten Werke, die wir tun? Und könnte es nicht sein, dass er dennoch auch weint und zornig ist, wenn er zusehen muss, wie wir uns selbst und anderen immer wieder schaden und an dem vorbei leben, wofür wir eigentlich geschaffen sind? Könnte nicht beides ein Ausdruck derselben Liebe sein: Die Freude über das, was uns gelingt, und der Zorn über das, was uns kaputt macht und das, womit wir uns selbst kaputt machen – gewollt oder ungewollt, verschuldet oder unverschuldet? Mir wäre dieses Bild von Gott lieber als eines, in dem es nur „ganz Gerechte“ oder „ganz Verdorbene“ gibt.
Trotz meiner Fehler oder wegen meiner Fehler?
Zurück zur Anfangsfrage: Liebt Gott mich, obwohl er mich kennt – oder weil er mich kennt? Ich glaube, dass beides zutrifft. Je nachdem, wie man es versteht. Ohne Zweifel liebt Gott mich, weil er mich kennt. Wenn er derjenige ist, der mich „wunderbar gemacht hat“ (Psalm 139,14), und auch derjenige, der „all meine Gedanken von ferne versteht“ (Psalm 139,2), dann ist seine Liebe die echteste Liebe, die ich in der Welt finden kann. Denn es ist eine Liebe, die mich wirklich sieht, so wie ich bin. Jede andere Liebe, so aufrichtig sie auch sein mag, liebt immer nur das, was sie von mir kennt – und das ist begrenzt. Bei jeder anderen Liebe im Leben könnte ich letztlich Sorge haben, dass sie mir nur so lange gilt, wie es mir gelingt, meine Fehler und Schattenseiten gut genug zu verbergen. Bei jeder anderen Liebe muss ich befürchten, dass sie letztlich nicht mir gilt, sondern nur einem Wunschbild, das ein anderer Mensch sich von mir macht.
Wir leben in einer Welt, die auf die Prinzipien von Leistung und Anerkennung gegründet ist: Wer etwas leistet, der ist beliebt. Und selbst die totalen Verweigerer der Leistungsgesellschaft leben letztlich davon, dass sie Anhänger, Likes und Follower haben, die genau das als Leistung honorieren – dass jemand Leistung ablehnt. In sozialen Netzwerken bekommen wir voneinander nur das zu sehen, was sich vorzeigen lässt: Erfolgsgeschichten, tolle Erlebnisse, Höhepunkte, und Schönes. Politische Statements posten wir dann, wenn wir davon ausgehen können, dass sie (zumindest in der Mehrheit unserer eigenen Filterblase) Zustimmung und Applaus finden. Jeden Tag erhalten wir von unserer Umwelt die Botschaft: „Wir lieben dich, solange du keine Fehler machst und keine Schwächen hast.“ Aber wehe, wenn es dann doch passiert. Dann droht der Shitstorm und der große Fall. Die Gewährung von Annahme und Akzeptanz sind deshalb bei uns ganz eng verknüpft mit dem Attribut der Fehlerlosigkeit. Du bist geliebt, solange du keine Fehler hast. Und so ist echte Liebe und Annahme in vielen Köpfen untrennbar verbunden mit der Botschaft: „Du bist gut, so wie du bist. Du bist fehlerlos. Alles and dir ist ok.“ Denn – das ist die unausgesprochene Botschaft – wenn es etwas gäbe an dir, was nicht ok ist, dann wärest du ja nicht mehr liebenswert. Wenn du Fehler hättest, dann könnten wir dich ja nicht mehr bedingungslos lieben. Und wenn ich an dir einen Fehler bemerken oder bemängeln würde, dann würde das bedeuten, dass ich dich weniger liebe und dass ich dich nicht annehme.
Dieses Verständnis von Liebe klingt auf den ersten Blick sehr barmherzig: Ich liebe dich – das heißt ich bestätige dich in allem, was du bist und finde keinen Fehler an dir. Letztlich ist diese Definition von Liebe jedoch in seinem Kern sehr unbarmherzig. Denn es zementiert in unseren Köpfen die Überzeugung, dass Liebe eben doch an Fehlerlosigkeit gebunden ist. Und so müssen wir vermuten, dass entweder der andere, der uns solche Liebe zeigt, sich in uns täuscht (er kennt uns eben einfach noch nicht gut genug), oder dass wir selbst ein falsches Bild von uns haben (denn wenn wir ehrlich sind, sind die wenigsten von uns so, wie sie gern sein würden). Dieses Verständnis von Liebe bringt also die unbestimmte Angst mit sich, dass die scheinbare Annahme des anderen vielleicht nur auf einer schönen Illusion beruhen könnte. Und die Angst, dass, wenn meine Schwächen und Fehler doch einmal zu Tage treten, die Liebe auch ihr Ende findet.
Trotzdem-Liebe
Die Bibel stellt diesem Verständnis von Liebe, das unsere Gesellschaft derzeit prägt, meines Erachtens ein deutlich anderes entgegen: Das Konzept einer „Trotzdem-Liebe“, die mich nicht deswegen liebt, weil ich ohne Fehler bin, sondern eben gerade trotz meiner Fehler. Dieses Konzept ist für mich gnädiger und entspannender, aber auch tragfähiger. Hier brauche ich nicht so zu tun, als wäre ich ohne Fehler oder „vollkommen gerecht“, wie es in dem jüdischen Gleichnis heißt. Ich brauche aber auch nicht in dem Bewusstsein leben, dass ich „vollkommen böse“ oder „vollkommen gottlos“ bin. Ich darf mich frohen Mutes zu denen „dazwischen“ zählen. Denen, die viel Gutes, aber auch viel Böses in sich tragen. Bei Menschen, die Liebe mit unbedingter Bejahung aller meiner Eigenschaften gleichsetzen, muss ich stets befürchten, dass ihre Liebe endet, sobald sie etwas an mir entdecken, was sie nicht bejahen können. „Trotzdem-Liebe“ jedoch sieht meinen Fehlern ins Auge, und nennt sie auch so. Und liebt trotzdem. Diese Liebe ist für mich verlässlicher und tragfähiger. Und von dieser Liebe möchte ich deshalb auch anderen weitersagen.
In meinem Alltag erfahre ich Liebe und Annahme von Menschen, die einige meiner bösen Seiten kennen – und die mich trotzdem lieben. Ich erfahre auch Ablehnung von Menschen, die meine guten Seiten kennen – und mich trotzdem ablehnen. Aber es gibt nur einen, der mich wirklich so kennt, wie ich bin. Der alles Gute an mir sieht, und auch alles Böse. Und der mich trotzdem liebt. Dessen Liebe ist das entscheidende, das für mich zählt und das mich trägt. Und deshalb ist das, was er in mir sieht, meine eigentliche Identität. Sie ist weder schwarz noch weiß, und auch nicht einfach grau: Sondern ein bunter Farbklecks auf dem unendlichen weiten Spektrum der Farben, aus denen die Welt besteht. Welcher Farbton das ist oder noch werden wird, das werde ich eines Tages erfahren. Und darauf freue ich mich. Bis dahin bin ich wer ich bin. Farbenfroh und geliebt.
Ursprünglich erschienen in: „Identität. MBS Jahrbuch 2016/2017, MBS Bibelseminar Marburg, S. 60-74. (Original-Artikel hier als PDF herunterladen)
