
Dass Jesus sich besonders den Ausgestoßenen und Marginalisierten zuwendet, ist heute ein beliebtes Predigtmotiv. Aber wo es „Ausgestoßene“ gibt, da muss es auch die geben, die sie ausstoßen und marginalisieren. In diesem Fall: Die Juden und ihre Reinheitsgebote.
Aber wie zutreffend ist dieses Bild vom „ausgrenzenden Judentum“? Und wieviel wissen wir eigentlich wirklich über die jüdischen Reinheitsgebote?
Die aktuelle Folge aus der Staffel „Jesus der Jude“ auf bibletunes
Wir alle haben unsere Bilder vom Judentum und von der jüdischen Welt Jesu. Manchmal aus Predigten, manchmal aus Bibelfilmen und manchmal aus den sozialen Medien. Und oft übernehmen wir diese Bilder ungeprüft.
Eins von diesen Bilder ist das Bild von einem Judentum, indem kranke Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt oder sogar ausgeschlossen werden.
Das Bild begegnet uns immer da, wo Jesus Menschen mit Aussatz begegnet. Aber auch zum Beispiel da, wo er eine Frau heilt, die seit vielen Jahren an Blutungen leidet.
In beiden Fällen hören wir oft, dass Aussätzige aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. In Bibelfilen rennen Menschen schreiend weg, wenn sie Aussätzige sehen, oder sie zücken ein Messer, um sie auf Abstand zu halten. Aussätzige, so heißt es oft, mussten in Höhlen oder Leprakolonien außerhalb der Orte leben und wurden selbst von ihren Familien gemieden.
Was für ein grausames Bild von der jüdischen Gesellschaft. Und es wird noch grausamer, wenn dann noch dazu gesagt wird, dass Juden sich für dieses menschenfeindliche Verhalten auf ihre Reinheitsgebote beriefen. Es sind dann also religiöse Regeln, die zu Menschenfeindlichkeit führen. Und dazu dass Menschen ausgegrenzt oder ganz aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.
Wie oft bei solchen Vorurteilen, denkt sich niemand etwas Böses dabei. Denn eigentlich möchte man nichts Schlimmes über Juden sagen, sondern Gutes über Jesus.
Denn vor dem düsteren Hintergrund, den ich grade beschrieben habe, kann man Jesus um so besser als Menschenfreund und als Überwinder von religiöser Gesetzlichkeit darstellen.
Jesus, so wird dann oft erzählt, Jesus schert sich nicht um Reinheitsgebote. Er geht auf die Aussätzigen und Unreinen zu, er berührt sie und nimmt sie in den Arm. Damit zeigt er nicht nur mehr Liebe und mehr Zuwendung als die religiösen Juden. Sondern er gibt auch ein Beispiel, dass Gebote uns nur einschränken und dass man religiöse Regeln brechen sollte, den Menschen zuliebe.
Aber wieviel ist eigentlich dran an diesem Klischee vom ausgrenzenden Judentum und vom regelbrechenden Jesus?
Um das zu prüfen, gibt es, wie immer bei solchen Vorurteilen über das Judentum, zwei Wege: Der erste ist, genauer in unser Neues Testament zu schauen. Und der zweite ist: Sich besser über die jüdische Kultur der Zeit Jesu zu informieren.
Ich fange mal mit dem ersten an. Wenn wir in unser Neues Testament schauen, dann merken wir, dass bei keiner der Begegnungen Jesu mit Aussätzigen oder Unreinen Personen das Thema Ausgrenzung eine Rolle spielt. Nirgendwo wird gesagt, dass die Leute, um die es da geht, keine Freunde hatten oder keine Familie, oder dass sie von jedem gemieden wurden, oder dass sie in Aussätzigen Kolonien lebten. In den Geschichten von Jesus werden solche Aspekte nie erwähnt. Sie werden regelmäßig in Predigten oder Bibelarbeiten dazuerfunden, um die Geschichte dramatischer zu machen. Oft ist dann im Ende gar nicht mehr so wichtig, dass die Personen geheilt werden.
Sondern das eigentliche Wunder, so wird gesagt, besteht darin, dass sie nach langen Jahren der Isolation erstmals wieder die Berührung eines Menschen erfahren. Oder dass sie wieder Teil der Gesellschaft sind. Oder dass sie in ihre Familien zurückkehren können.
Das alles wird aber in den Bibeltexten nicht gesagt. Für die Evangelien des Neuen Testaments besteht das Wunder darin, dass Jesus Kranke Menschen heilt und sie wieder gesund werden. Darum geht es.
Aber jetzt noch ein Blick auf die jüdischen Reinheitsgebote. Zuerst einmal ist es wichtig zu verstehen, worum es eigentlich geht bei den Reinheitsgeboten. Viele Christen, mit denen ich darüber rede, stellen erstmal fest, dass sie eigentlich ziemlich wenig wissen über Reinheitsgebote. Ich hab das auch bei mir gemerkt, als ich in Jerusalem gelebt habe und in meinen Predigten vollmundig Dinge über jüdische Reinheitsgebote erzählt. Und erst dann, als jüdische Zuhörer mich hinterher fragten, wo ich das eigentlich alles herhabe, wurde mir klar, dass ich vieles nur einfach ungeprüft übernommen habe, weil ich es mal irgendwann irgendwo gehört habe.
Also: Was sind eigentlich Reinheitsgebote? Ich schlage vor, dass wir hier zuerst einmal in die Tora schauen, also in unser Altes Testament. Welche Gebote gibt es da eigentlich? Und dann müssen wir in einem zweiten Schritt auch in die Schriften der jüdischen Rabbis schauen. Also: Wie wurden die Regeln der Tora in der Zeit Jesu interpretiert und ausgelegt?
Zuerst einmal müssen wir zwei Sorten von Reinheitsgeboten unterscheiden: Einmal die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Also Tiere, die man essen darf und solche, die man nicht essen darf. Das ist ja offensichtlich ein anderes Kapitel und für den Umgang mit Kranken nicht relevant.
Bleiben also noch die Gesetze für die Unreinheit von Menschen. Es gibt im Prinzip fünf Wege, wie man unrein werden kann nach den Geboten der Tora: Erstens, wenn man einen Toten berührt, zum Beispiel bei einer Beerdigung. Zweitens: Wenn man eine bestimmte Hautkrankheit hat, die in der Bibel Aussatz genannt wird. Drittens: Wenn eine Frau ihre Periode hat oder andere Blutungen im Genitalbereich, zum Beispiel durch Krankheit oder auch nach einer Geburt. Viertens: Wenn ein Mann einen Samenerguss hat.
In manchen dieser Fälle kann es außerdem sein, dass man selbst unrein wird, wenn man eine andere unreine Person berührt. Wenn man sich jetzt diese Ursachen für Unreinheit anschaut, dann ist die erste Bobachtung ganz wichtig: Unreinheit hat in der Bibel ncihts mit Sünde zu tun. Oder mit Schmutz oder ansteckender Krankheit. Wenn immer wir behaupten, dass Juden – oder andere Menschen – sich vor Unreinen Personen ekeln oder vor ihnen weglaufen, dann haben wir noch nicht verstanden, was Unreinheit ist.
Unreinheit ist in der Torah weder verboten noch verpönt. Im Gegenteil: In vielen Fällen ist es ja sogar von der Tora vorgeschrieben, sich zu verunreinigen. Zum Beispiel msoll man ja die Toten begraben. Man soll die Kranken besuchen, und das schließt auch die Aussätzigen mit ein. Man soll Sex haben, auch wenn man dadurch unrein wird. Nichts davon ist verboten, oder in irgend einer Weise dreckig oder eklig.
Natürlich rannte in der jüdischen Welt niemand weg, wenn eine Frau ihre Periode hat. Das betrifft ja immerhin die Hälfte der Bevölkerung einmal im Monat. Das wäre schlimm, wenn da immer alle weglaufen würden.
Es kommt aber noch etwas hinzu: Denn es steht ja auch nirgendwo in der Torah, dass es verboten ist, sich zu verunreinigen. Natürlich darf ich eine unreine oder aussätzige Person berühren oder umarmen, ebenso wie eine Mutter, die gerade ein Kind bekommen hat. Ich werde dann dadurch eben auch unrein. Aber das ist ja nicht schlimm, weil es nicht verboten ist und niemand vor mir wegläuft. Eine bekannte jüdische Wissenschaftlerin wurde einmal gebeten, einen Artikel über Unreinheit zu schreiben für das bekannteste jüdische Lexikon der Welt. Und in diesem Lexikon schreibt sie: Man muss davon ausgehen, dass zur Zeit Jesu in einem Raum, in dem eine Gruppe von Menschen zusammen war, in der Regel alle unrein waren auf die eine oder andere Weise. Unreinheit war der Normalfall
Das war aber auch nicht schlimm, weil es ja nciht verboten war. Und in der Regel bedeutete das auch keine Einschränkung. Denn wofür brauchte man eigentlich Reinheit? Reinheit wird in der Bibel nur benötigt, wenn man den Tempel besuchen will. Dafür musste man vorher bestimmte Waschungen vornehmen und bestimmte Zeiten abwarten, um rein zu werden.
Für die Menschen in Kapernaum oder in Nazareth war das kaum relevant, solange sie sich nicht auf die Reise zum Tempel machten.
Wenn wir deshalb in die Schriften der Rabbinen aus der Zeit Jesu schauen, dann finden wir da viele Beispiele dafür, wie Unreine Leute ganz normal am Alltagsleben teilnehmen. Sie konnten heiraten, auf dem Markt einkaufen gehen, sie lebten zusammen mit ihren Familien in den Dörfern. In den Synagogen wurden sogar extra eigene Sitzbereiche für sie eingerichtet, damit sie an den Gottesdiensten teilnehmen konnten. Sicher, es gibt auch Geschichten von Rabbis, die sich abweisend oder ausgrenzend gegenüber Kranken verhalten haben. Die gab es damals ebenso wie es heute solche Menschen gibt. Aber sie werden in den jüdischen Schriften nciht als Vorbild, sondern als Negativbeispiel angeführt.
Eine grpße Einschränkung gab es allerdings in der Tat: Denn in der Torah gibt es eine Regel, die besagt: Aussätzige sollen nicht im Zeltlager der Israeliten wohnen, sondern außerhalb des Lagers. Warum das? Weil damals, während der Wüstenwanderung, in der Mitte des Lagers das heilige Zeit stand. Und zu dem sollte man als Aussätziger den nötigen Abstand halten. Also wohnten die Aussätzigen während der Wüstenzeit außerhalb des Lagers, vermutlich zusammen mit ihren Familien.
Aber für die Rabbis zur Zeit Jesu ergab sich ein Problem: Denn zu ihrer Zeit gab es schon seit Jahrhunderten kein Lager in der Wüste mehr. Man wohnte ja jetzt in Dörfern und Städten im Land Israel. War da diese alte Regel aus der Bibel überhaupt noch anwendbar? Die Rabbis entschieden: Ein Lager gibt’s zwar nicht mehr, aber wir übertragen diese Regel auf die großen Städte, also solche mit Stadtmauern. Da gabs so etwa eine Handvoll solcher Städte, vor allem aber Jerusalem. Hier durften Aussätzige also nicht wohnen. Aber in allen anderen Städten lässt man sie wohnen.
So, was heißt das alles jetzt für unser Verständnis der Bibel und für unser Bild vom Judentum? Es ist ein weiterer Fall, in dem wir oft versuchen, Jesus groß zu machen, indem wir Juden schlecht machen: Bei den Juden wurden Kranke und Unreine Menschen ausgegrenzt, ausgestoßen, stigmatisiert und marginalisiert. Aber Jesus überwindet solche gesellschaftlichen Grenzen, bricht die Gebote und nimmt die Unreinen in den Arm.
Wenn aber die Juden gar nicht so böse und ausgrenzend waren, wie wir oft annehmen, dann ist es auch nichts besonderes, dass Jesus Aussätzige umarmt oder die blutflüssige Frau berührt. Er tut damit nichts verbotenes und bricht auch keine Gesetze. Jeder andere Jude durfte das auch und viele haben es vermutlich auch getan.Warum sollte Jesus auch die Reinheitsgebote brechen? Schließlich waren das Gebote, die vsein eingerenr Vater im Himmel dem Volk Israel gegeben hat.
Das Wunder in solchen Geschichten ist ein ganz anderes: Es ist die Heilung von Krankheit. Von Leiden und Schmerzen, die oft schon Jajhrelang andauern.
Wir können also bei solchen Geschichten sehr leicht Jesus groß machen, ohne Juden schlecht zu machen. Jesus heilt Kranke, und er setzt damit Zeichen für die Liebe Gottes. Das ist für alle Menschen eine gute Nachricht. Für die Juden damals und für uns heute.
