„Ein jüdischer Rabbi sprach normalerweise nicht mit Frauen.“ Wirklich nicht? Wie frauenfeindlich war das Judentum eigentlich? Und wie revolutionär war Jesus in seinem Umgang mit Frauen?

Die aktuelle Folge in der Staffel „Jesus der Jude“ auf bibletunes – die Bibel im Ohr!.

Ich rede in dieser Reihe über Vorurteile und Zerrbilder, die wir oft vom Judentum der Zeit Jesu haben. Falsche Bilder, die wir oft selbst übernommen haben und nie richtig überprüft haben.

Wir meinen es oft gar nicht Böse und haben auch an sich gar nichts gegen Juden. Aber ohne es zu wollen, tragen wir doch dazu bei, negative Bilder über Juden zu erzeugen oder zu verbreiten.

Ich habe diese Art, Bibeltexte zu lesen, in den letzten Folgen so beschrieben: Wir wollen eigentlich Jesus groß machen, aber dafür machen wir vorher die Juden schlecht. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir Jesus auch groß machen können, ohne Juden schlecht zu machen. Und zwar, weil vieles, was wir über Juden denken und behaupten, erstens gar nicht so in unserem Neuen Testament drinsteht, und zweitens auch nicht zu dem Bild passt, das wir in jüdischen Quellen der Zeit Jesu.

Nehmen wir das Beispiel von Jesus und den Frauen: Immer wieder hören wir, dass Jesus in seinem Umgang mit Frauen revolutionär war, dass er alle gesellschaftlichen Konventionen auf den Kopf stellte und die Frauen, die im Judentum eigentlich unterdrückt und benachteiligt waren, auf eine Stufe mit den Männern stellte.

Wenn ich dann manchmal frage, was Jesus denn so revolutionär macht in seinem Umgang mit Frauen, dann ist die erste Antwort oft: Er redet mit ihnen, zum Beispiel mit der samaritanischen Frau am Brunnen oder mit Maria und Martha oder mit einer Frau aus Syrophönizien.

Und wenn du mal kurz darüber nachdenkst, dann merkst du, wie hier wieder das Schema: Guter Jesus, böse Juden zuschlägt: Denn wenn es schon ein revolutionärer Akt der Frauenbefreiung ist, dass Jesus überhaupt mit Frauen redet, dann setzt das ja voraus, dass jüdische Männer das in der Regel nicht machten. Eine jüdische Forscherin hat mal gesagt: Wenn das stimmen würde, dann wären die Juden ja frauenfeindlicher als die Taliban.

Aber tatsächlich höre ich das immer wieder: Ein jüdischer Rabbi hätte niemals mit einer Frau gesprochen. Wo kommt diese Idee eigentlich her? Es lohnt sich hier einmal kurz darüber zu reden, wie wir oft als Christen mit jüdischen Quellen umgehen. Wir suchen uns nämlich oft aus diesen Quellen immer gerade die Zitate raus, die die Juden besonders schlecht dastehen lassen. Solche Zitate sind aber oft extreme Einzelmeinungen, die im Kontext von Diskussionen angeführt werden.

Der Talmud ist ja kein Lehrbuch, wie wir das kennen, sondern eine Sammlung von Diskussionen. Zu jedem Thema werden hier erstmal drei oder vier, manchmal auch zehn verschiedene Meinungen von verschiedenen Rabbis vorgestellt, bevor dann entschieden wird, welcher Meinung man im Allgemeinen folgt. Oft bleibt die Diskussion aber auch unentschieden.

Die Gefahr ist nun die, dass man sich aus solchen Dioskussionen eine eizelne extreme Stimme rauspickt und dann sagt: So war das im Judentum. Das passiert leider oft in christlichen Bibelauslegungen. Nehmen wir zum Beispiel einmal die Diskussion um Bildung für Frauen. Oft wird behauptet, es sei revolutionär, dass Jesus auch Jüngerinnen gehabt habe, weil Frauen sonst im Judentum nicht Tora lernen durften.

Diese Ansicht kommt aus einer Diskussion zwischen zwei jüdischen Rabbis, die wir im Talmud finden: Rabbi Simeon sagt: Es ist die Pflicht jedes Mannes, seine Tochter Tora zu lehren. Aber Rabbi Eliezer ist anderer Meinung: Er sagt: Wer seine Tochter Tora lehrt, bringt sie nur auf dumme Gedanken und verleitet sie zur Unmoral.

Christen zitieren dann oft nur die Meinung von Rabbi Eliezer und sagen: Im Talmud steht: Wer seine Tochter Tora lehrt, verleitet sie zur Unmoral. Aber ihr merkt schon, dass das Bild dann verzerrt wird.

Ähnlich ist es mit der Ehescheidung. Da wird oft gesagt: Bei den jüdischen Rabbis durfte ein Mann sich wegen jeder Kleinigkeit scheiden lassen, sogar wegen einem angebrannten Essen.  Die nahmen es also mit der Ehe nicht so ernst. Und wieder entsteht das Bild von einem frauenfeindlichen Judentum.

Wenn man aber nachschaut, wo das herkommt, dann entdeckt man: Auch hier gibt es eine Diskussion zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen, Rabbi Hillel und Rabbi Schammai. Rabbi Schammai erlaubt eine Ehescheidung nur in schweren Fällen von Ehebruch. Rabbi Hillel aber erlaubt eine Scheidung auch in leichteren Fällen, sogar wenn es wegen einem angebrannten Essen. Also stimmt es doch?

Nein, wenn man genauer hinsieht, worum es hier geht, merkt man, dass es Rabbi Hillel darum geht, die Rechte von Frauen zu stärken. Der Scheidebrief war nämlich ein wichtiges Dokument für die Frau, wenn wie von ihrem Mann weggeschickt oder geschieden wurde. Der Scheidebrief gab ihr das Recht und die Freiheit, wieder heiraten zu dürfen, und damit die Chance auf ein neues Leben.

Die strenge Haltung von Rabbi Schammai sorgte dafür, dass viele Frauen, die von ihrem Männern verstoßen wurden, in einem rechtlichen Vakuum landeten. Ihr Mann wollte sie nicht mehr, aber einen neuen Mann durften sie auch nicht heiraten.

Die offene Regel von Rabbi Hillel aber sagt: Ganz egal warum dein Mann dich wegschickt. Und sei es nur wegen einem angebrannten Essen oder weil er eine andere Frau attraktiver findet: Er ist verpflichtet, dir einen Scheidebrief auszustellen. Damit du dein Recht bekommst und eine Chance auf einen Neuanfang.

Was also oft in christlichen Predigten als besonders frauenfeindlich dargestellt wird, ist in Wirklichkeit eine Regelung zum Schutz der Frauen vor der Willkür ihrer Männer.

Vorsicht also mit Zitaten von Rabbis, die aus ihrem Zusammenhang gerissen werden und das Judentum schlecht dastehen lassen. Es lohnt sich, an solchen Stellen auch mal einzutauchen in die Schriften der Rabbis und sie besser verstehen zu lernen.

Und jetzt komme ich zurück zu Jesus und den Frauen: Wie ungewöhnlich war es, dass jüdische Rabbis mit Frauen redeten?

Die erste Beobachtung ist: In den Schriften der Rabbis finden wir viele, diele Gespräche von  jüdischen Rabbis mit Frauen. Und zwar über Alltagsfragen wie auch über Fragen der Gesetzesauslegung. Von Beruria, der Frau des berühmten Rabbi Meir, lesen wir sogar, dass sie als gelehrter galt als ihr eigenen Mann und auch als ihr Vater, der ebenfalls ein berühmter Rabbi war.

Woher kommt also das Bild von den Juden, die nicht mit Frauen reden? Meistens auch von einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat.

Es gibt nämlich tatsächlich eine rabbinische Diskussion, wo es darum geht, wie lange man in der Öffentlichkeit mit einer fremden Frau sprechen sollte, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Denn es könnte ja der Eindruck entstehen, dass man mit dieser Frau eine unerlaubte Beziehung hat.

In dieser Diskussion meldet sich nun ein Rabbi und sagt: Am besten sollte man in der Öffentlichkeit überhaupt gar nicht mit einer Frau sprechen. Das führt nur zun Komplikationen.

Und diese extreme Einzelmeinung landet natürlich wieder in christlichen Predigten. Im Talmud steht, man soll überhaupt nicht mit Frauen sprechen, das führt nur zu Komplikationen.

So entstehen Vorurteile.

War Jesus also gar kein Freund der Frauen, wie wir immer dachten? Doch, das war er bestimmt. Er geht freundlich und wertschätzend mit Frauen um, hilft ihnen in der Not, macht sie zu seinen Jüngerinnen und beauftragt sie nach seiner Auferstehung sogar, den Männern die gute Nachricht zu überbringen.

Nur: Das alles tut er nicht, obwohl er ein Jude ist und auch nicht im Gegensatz zum Judentum. Sondern weil er ein Jude ist und Frauen im Judentum wertgeschätzt werden. Das hat in der jüdischen Tradition schon eine lange Tradition, die bis in den Anfang der Bibel zurückreicht, wo Gott den Menschen als Mann und Frau erschafft, ohne dass Rangunterschiede erkennbar sind. Und in der jüdischen Bibel,. Unserem Alten Testament, finden wir viele Erzählungen von starken und gebildeten Frauen, auch Frauen, die die Leitung und Führung übernehmen. Gott sagt zu Abraham ausdrücklich: Höre auf die Stimme deiner Frau!

Natürlich. Sicher gab es auch in der jüdischen Welt Frauenfeindlichkeit und Chauvinismus. Es gab sicher auch Rabbis, die Frauen verachteten und schlecht behandelten. Unser Fehler ist, das wir das als typisch jüdisch darstellen, während wir Frauenfreundlichkeit als typisch Jesus darstellen.

Vielleicht kann man es am besten so darstellen: Auf dem Spektrum zwischen Frauenfeindlichen und frauenfreundlichen Rabbis und Lehrern steht Jesus eindeutig auf der Seite der frauenfreundlichen. Gleich berechtigt hat er sie sicherlich nicht, aber er hat sie wertschätzend behandelt, in seinen Gleichnissen und Erzählungen immer wieder zu Hauptpersonen gemacht, und sie für andere sie sichtbar gemacht  Revolutionär oder unjüdisch war das aber nicht. Im Gegenteil.

Auch hier müssen wir also nicht Juden schlecht machen, um Jesus groß zu machen. Wir können Jesus auch groß machen, ohne Juden schlecht zu machen. Indem wir sagen: Jesus war wertschätzend gegenüber Frauen, nicht obwohl er ein Jude war, sondern weil er sein Jude war. Und wzar einer, der Frauen mit den Augen seines Vaters im Himmel ansah.