
Aus Geschichten, die ursprünglich von der Umkehr eines Sünders erzählten, werden so Geschichten gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und religiösen Hass. Aus den Tätern werden Opfer, und ihre Opfer werden zu den eigentlichen Tätern erklärt.
Aber was sagen eigentlich die historischen Quellen? Und warum reden die Texte des Neuen Testaments sehr viel mehr über Sünde und Umkehr als über Ausgrenzung und ihre Überwindung? Die aktuelle Folge in der Reihe „Jesus der Jude“ auf @bibletunes geht dieser Frage nach
Zöllner spielen in den Evangelien des Neuen Testaments immer wieder eine besondere Rolle. Zum Beispiel Matthäus, ein Zöllner, der einer der zwölf Jünger wird. Oder Zachäus, der auf einen Feigenbaum klettert, um Jesus zu sehen. Es gibt ein Gleichnis über einen Zöllner, der in den Tempel geht um seine Sünden zu bekennen. Und dann den Vorwurf an Jesus, er sei ein Freund der Zöllner und Sünder.
Warum ist das so? Eine häufige Antwort von Christen ist: Weil die Zöllner bei den Juden besonders verhasst waren und deshalb zu den Außenseitern der Gesellschaft gehörten. Aber Jesus ist anders: Er wendet sich den Ausgegrenzten und Ausgestoßenen zu.
Und da haben wir dann wieder das Schema, über das ich in dieser Reihe spreche: Wir wollen Jesus groß machen, und dafür machen wir vorher Juden schlecht. Juden hassen Zöllner. Und das geht hinein bis in die Kinderbibeln. Da hab ich neulich die Zachäusgeschichte gelesen. Und die fing an mit den Worten: Das ist Zachäus. Zachäus hat keine Freunde. Niemand will etwas mit ihm zu tun haben. In Bibelfilmen sieht man, wie Zöllner von anderen Juden bespuckt oder beschimpft werden, oder von ihrer Familie verstoßen werden, oder wie sie als dreckige Verräter bezeichnet werden, weil sie mit dem Feind, mit den Römern, kollaborieren.
Müssen wir Juden wirklich so haßerfüllt und feindselig darstellen, um Jesus in diesen Geschichten gut darstehen zu lassen? Ich glaube nicht.
Die erste interessante Beobachtungen machen wir ja, wenn wir unsere Bibel genauer lesen. Denn nirgendwo in unseren Evangelien wird irgendetwas davon erwähnt. In keiner Geschichte über Zöllner lesen wir, dass sie bei den anderen verhasst waren oder von irgendjemandem gehasst oder ausgegrenzt wurden. Das wäre das erste, was uns stutzig machen sollte: Wenn das Neue Testament nichts über den angeblichen Hass von Juden gegen Zöllner oder über Ausgrenzung sagt, warum tun wir es dann so oft?
Wenn ich mit Leuten darüber ins Gespräch komme, dann schlagen sie oft verwundert ihre Bibel auf und lesen mir dann vor: Aber guck mal, hier steht es doch: Sie aber murrten, dass er mit Zöllnern und Sündern isst.
Aus diesem Satz leiten wir oft zwei sachen ab, die nicht drinstehen. Erstens: Zöllner waren verhasst. Und zweitens: Im Judentum war es verboten oder verpönt, mit einem Zöllner zusammen zu essen. Entweder, weil man nicht mit Sünder zusammen ißt oder auch, weil man sich angeblich verunreingte. All das steht aber nicht da.
Was da steht ist, dass Leute sich ärgern, darüber, dass Jesus mit Zöllner und mit Sündern ißt. Was nicht dasteht, ist warum sie sich ärgern. Es könnte ja auch einfach sein, dass sie neidisch sind. Warum isst Jesus ausgerechnet mit denen – und nciht mit uns? An manchen Stellen steht, dass es Pharisäer und Schriftgelehrte waren, die sich ärgerten Da würde es Sinn machen, dass sie deswegen neidisch sind. Als besonders religiöse Menschen und besonders gute Kenner der Schrift hätten sie sich sicher gewünscht, dass Jesus sich Zeit nimmt, mit ihnen zu essen. Stattdessen isst er mit Zöllner und Sündern.
Und wenn wir uns die Antworten von Jesus anschauen merken wir auch, dass es genau darum geht: Er sagt, ich bin gekommen, um die Verlorenen zu suchen und nciht die Gerechten. Sop wie ein Arzt, der normalerweise nicht zu gesunden Menschen geht, sondern zu den Kranken. Es geht also um den Vergleich: Warum die und nicht wir? Mit Hass oder Ausgrenzung hat das nichts zu tun.
Es sei denn, natürlich, dass wir davon ausgehen, dass man im Judentum Sünder hasste. Das wäre dann wieder ein neues Vorurteil. Bei uns im Christentum gehen wir selbstverständlich davon aus, dass Gott die Sünder liebt und dass wir sie auch lieben sollen. Woher also stammt die Idee, dass es im Judentum anders ist? Sie sstammt jedenfalls nicht aus dem Neuen Testament. Wir finden sie aber auch nicht im Alten Testament, und auch nicht in jüdischen Quellen aus der Zeit Jesu.
Was sagen denn jüdische Quellen überhaupt über Zöllner? Wenn wir die jüdische Welt Jesu besser kennenlernen wollen, dann müssen wir lernen, unsere Vorstellungen und Vorurteile an den Quellen zu prüfen.
In den Schriften der Rabbis zum Beispiel finden wir jedenfalls nichts darüber, dass Zöllner verhasst oder ausgestoßen waren. Wir finden auch nirgendwo den Vorwurf, dass sie mit den Rämern kollaborieren und deshalb als Verräter angesehen wurden. Das ist ein Vorwruf, der erst im Europa der Neuzeit aufgebracht wurde, und zwar von christlichen Bibelauslegern, und nciht von Juden selbst.
Es gibt aber bei den Rabbinen, und jetzt wird es spannend, tatsächlich ein paar besondere Regelungen für Zöllner. Zum Beispiel wurde Geld, das von Zöllnern stammte, nicht für die Armenkasse der gemeinde akzeptiert. Warum? Weil man befürchtete, dass es unrechtmäßig erworbenes Geld war.
Zöllner standen nämlich in der Antike, nichit nur bei Juden, sondern auch bei Griechen und Römern, in dem Ruf, sich durch ihren Beruf unrechtmäßig zu bereichern oder auch betrügerisch zu hohe Zölle einzunehmen. Diesen Vorwurf finden wir tatsächlich auch im Neuen Testament an mehreren Stellen. Zachäus zum Beispiel redet davon, dass er Leuten zu viel Geld abgenommen hat. Und auch Johannes der Täufer ermahnt die Zöllner bei ihrer Taufe, in Zukunft anderen nicht mehr zu viel Geld abzunehmen. Zöllner waren also tatsächlich verrufen als Halsabschneider. Vielleicht ähnlich wie heute das Finanzamt.
Niemand zahlt gerne Steuern ans Finanzamt. Aber dass man deshalb Finanzbeamte persönlich hassen oder aus der Gesellschaft ausgrenzen würde, wäre natürlich absurd. Ich hatte neulich mal bei einem Vortrag unter meinen Zuhörern eine junge Frau, die von Beruf Zollbeamtin war. Die war mit ihren Freundinnen da, die andere Berufe hatten. Und natürlich war sie weder verhasst noch wurde sie ausgegrenzt. Obwohl wir alle uns ärgern, wenn wir Zoll zahlen müssen. Wir können also schon unterscheiden zwischen dem Beruf und der Person.
Und darum geht es dann auch in den Schriften der Rabbis: Das Geld von Zöllnern wird nicht als Almosen für die Armenkasse angenommen. Ein Rabbi schlägt vor, dass das Geld stattdessen für öffentliche Zwecke gespendet werden könnte, zum Beispiel für den Bau von öffentlichen Toiletten. Zöllner können nicht den Vorsitz einer Gerichtsverhandlung übernehmen, weil man sie potentiell für unehrlich hält. Zöllner erscheinen mehrfach in Listen von Berufen, die man als Jude lieber nicht ergreifen sollte, weil der Beruf dazu verleitet, zu betrügen oder sich unrechtmäßig zu bereichern. Problematisch war auch, dass Zöllner durch ihren Beruf mit unreinen Gegenständen oder Lebensmitteln in Kontakt kamen. Sie mussten ja zum Beispiel Taschen und Säcke durchwühlen, um den Inhalt zu prüfen. Oder auch Wagenladungen mit Waren. Da hat man sich eben verunreinigt. Das ist an sich nicht schlimm und auch nicht verboten, wie wir schon in einer der letzten Episoden gesehen haben. Aber es zieht Unannehmlichkeiten mit sich. Man muss sich öfters reinigen. Wenn man ein Haus betritt und durchsucht, dann gilt auch das Haus anschließend als unrein. Aber es bedeutet eben nicht, dass man deswegen von anderen Leuten gemieden wird. Es war ja nciht verbojten, mit unreinen Menschen zu essen oder zusammen zu sein.
Es gab also Einschränkungen und Vorbehalte gegenüber dem Beruf des Zöllners. Es war woihl verbreitet, dass der Beruf genutzt wurde, um sich zu bereichern oder andere zu betrügen. Diesen Vorwurf finden wir auch im Neuen Testament. Zöllner waren Sünder. Aber dass sie deshalb, weil sie Sünder waren, von anderen gehasst oder gemieden oder ausgegrenzt wurden, das stimmt eben nicht. Weil auch im Judentum jeder Mensch weiß, dass wir alle Sünder sind, und weil auch im Judentum Gott ein Freund der Sünder ist.
Tatsächlich finden wir gerade in jüdischen Quellen auch viele loibende Erwähnungen von Zöllnern. Einer zum Beispiel warnte immer sein ganzes Dorf, wenn die Steuerpolizei in den Ort kam. So hatten alle Zeit, sich zu verstecken oder ihre Waren zu verstecken, um der Versteuerung zu entgehen. In einem anderen Ort wollte man eine Delegation an den Statthalter schicken, weil es einen Rechtsstreit zwischen der jüdischen Gemeinde und einem römischen Nachbarn gab. Und wen wählte man, um die Delegation anzuführen? Den örtlichen Zöllner, weil er besonders beliebt war. Eine andere Geschichte erzählt von einem Ort, in dem ein jüdischer Zöllner und ein jüdischer Rabbi lebten. Als der Zöllner starb, kam die ganze Stadt zu seiner Beerdigung, um um ihn zu trauern. Aber als der Rabbi starb, kam keiner. Die Geschichte schließt mit dem Trost, dass der Rabbi sicher nach seinem Tod von Gott belohnt wurde. Aber sie zeigt eben auch, dass Zöllner manchmal zu den beliebtesten Personen ihrer Stadt gehörten.
Wie können wir also Jesus groß machen, ohne Juden schlecht zu machen, wenn wir über Zöllner reden? Indem wir die Geschichten so erzählen, wie es auch das Neue Testament tut: Nämlich ohne erfundene Zusätze von Ausgrenzung, Außenseitern und jüdischem Hass gegenüber Sündern. Sondern als Geschichten, in denen es um die Umkehr eines Sünders geht.
Zöllner sind im Neuen Testament nicht die Opfer, sondern die Täter. Es ist nicht die jüdische Ausgrenzung, gegen die Jesus sich wendet, sondern die Sünde der Zöllner. Es geht darum, dass auch die schlimmsten Sünder bei Jesus eine Chance auf einen neuen Anfang bekommen. Und das ist die gute Nachricht, auf die es ankommt.
